Original 1. Auflage 1974 - von A.C. Bhaktivedanta Swami Prabhupāda

Bhagavad Gita wie sie ist   Bhagawad-gita

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Achtzehntes Kapitel
Schlußfolgerung – Die Vollkommenheit der Entsagung

Verse:    1   2   3   4   5   6   7   8   9  10 11 12 13-14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36-37 38 39
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VERS 1


अर्जुन उवाच ।
संन्यासस्य महाबाहो तत्त्वमिच्छामि वेदितुम् ।
त्यागस्य च हृषीकेश पृथक्केशिनिषूदन ॥१॥

arjuna uvāca
sannyāsasya mahābāho
tattvam icchāmi veditum
tyāgasya ca hṛṣīkeśa
pṛthak keśīniṣūdana

arjunaḥ uvāca – Arjuna sagte; sannyāsasya – Entsagung; mahā-bāho – O Starkarmiger; tattvam – Wahrheit; icchāmi – ich möchte; veditum – verstehen; tyāgasya – der Entsagung; ca – auch; hṛṣīkeśa – O Meister der Sinne; pṛthak – unterschiedlich; keśi-nisūdana – O Töter des Keśī-Dämonen.

ÜBERSETZUNG

Arjuna sagte: O Starkarmiger, o Hṛṣīkeśa, o Töter des Keśi-Dämonen, ich möchte den Zweck der Entsagung [tyāga] und der Lebensstufe der Entsagung [sannyāsa] verstehen.

ERKLÄRUNG

Eigentlich ist die Bhagavad-gītā mit dem Siebzehnten Kapitel beendet. Das Achtzehnte Kapitel ist lediglich eine ergänzende Zusammenfassung der Inhalte, die in den bisherigen Kapiteln erörtert wurden. In jedem Kapitel der Bhagavad-gītā betont Śrī Kṛṣṇa, daß hingebungsvolles Dienen für den Höchsten Persönlichen Gott das endgültige Ziel des Lebens sei. Dieser gleiche Punkt wird im Achtzehnten Kapitel als der vertraulichste Pfad des Wissens beschrieben. In den ersten sechs Kapiteln wird hingebungsvolles Dienen besonders betont: yoginām api sarveṣām . . . „Von allen yogīs und Transzendentalisten ist derjenige der beste, der fortwährend an Mich in seinem Innern denkt.“ In den folgenden sechs Kapiteln werden hingebungsvolles Dienen, sein Wesen und seine Aktivitäten erklärt. In den letzten sechs Kapiteln werden Wissen, Entsagung, die Aktivitäten der materiellen und der transzendentalen Natur und hingebungsvolles Dienen beschrieben. Es wird die Schlußfolgerung gezogen, daß alle Handlungen in Beziehung zum Höchsten Herrn ausgeführt werden sollten: dies wird durch die Worte om tat sat zusammengefaßt, die auf Viṣṇu, die Höchste Person, hinweisen. Im dritten Teil der Bhagavad-gītā wird hingebungsvolles Dienen am Beispiel vorangegangener ācāryas verdeutlicht und durch Zitate aus dem Brahma-sūtra bzw. Vedānta-sūtra belegt, in denen festgestellt wird, daß hingebungsvolles Dienen, und nichts anderes, der letztliche Sinn des Lebens ist. Gewisse Unpersönlichkeitsanhänger glauben, sie allein besäßen das Wissen vom Vedānta-sūtra, doch in Wirklichkeit ist das Vedānta-sūtra dazu bestimmt, hingebungsvolles Dienen zu verstehen, denn der Herr Selbst ist der Verfasser und Kenner dieser Schrift. Dies wird im Fünfzehnten Kapitel beschrieben. In jeder Schrift, in jedem Veda, wird erklärt, daß hingebungsvolles Dienen das höchste Ziel ist. Dies wird auch in der Bhagavad-gītā bestätigt.

Ähnlich wie im Zweiten Kapitel eine Übersicht über den gesamten Inhalt gegeben wird, so gibt das Achtzehnte Kapitel eine Zusammenfassung aller Unterweisungen. Als Sinn des Lebens wird Entsagung und das Erreichen der transzendentalen Position jenseits der drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur erklärt. Arjuna möchte insbesondere diese beiden Themen der Bhagavad-gītā näher erklärt haben, nämlich Entsagung (tyāga) und die Lebensstufe der Entsagung (sannyāsa). Aus diesem Grund fragt er nach der Bedeutung dieser beiden Begriffe.

Die beiden Worte, die in diesem Vers verwandt werden, um den Höchsten Herrn anzureden – Hṛṣīkeśa und Keśinisūdana – sind sehr bedeutsam. Hṛṣīkeśa bedeutet Kṛṣṇa, der Meister aller Sinne, der uns immer dabei helfen kann, geistige Ausgeglichenheit zu erreichen. Arjuna bittet Ihn, alles in solcher Weise zusammenzufassen, daß er seine geistige Ausgeglichenheit bewahren kann. Immer noch quälen ihn einige Zweifel, und da Zweifel mit Dämonen verglichen werden, redet er Kṛṣṇa mit Keśinisūdana an. Keśi war ein furchterregender Dämon, der vom Herrn getötet wurde, und Arjuna erwartet nun von Kṛṣṇa, daß dieser auch den Dämonen des Zweifels tötet.



VERS 2


श्रीभगवानुवाच ।
काम्यानां कर्मणां न्यासं संन्यासं कवयो विदुः ।
सर्वकर्मफलत्यागं प्राहुस्त्यागं विचक्षणाः ॥२॥

śrī bhagavān uvāca
kāmyānāṁ karmaṇāṁ nyāsaṁ
sannyāsaṁ kavayo viduḥ
sarva-karma-phala-tyāgaṁ
prāhus tyāgaṁ vicakṣaṇāḥ

śrī bhagavān uvāca – der Höchste Persönliche Gott sagte; kāmyānām – mit Verlangen; karmaṇām – Aktivitäten; nyāsam – Entsagung; sannyāsam – die Lebensstufe der Entsagung; kavayaḥ – der Gelehrte; viduḥ – kennt; sarva – alle; karma – Aktivitäten; phala – der Ergebnisse; tyāgam – Entsagung; prāhuḥ – nennen; tyāgam – Entsagung; vicakṣaṇāḥ – der Erfahrene.

ÜBERSETZUNG

Der Höchste Herr sagte: Die Weisen nennen den Verzicht auf die Ergebnisse aller Aktivitäten Entsagung [tyāga], und große Gelehrte haben diesen Zustand als die Lebensstufe der Entsagung [sannyāsa] bezeichnet.

ERKLÄRUNG

Man sollte es aufgeben, Aktivitäten um ihrer Früchte willen auszuführen. So lautet die Unterweisung der Bhagavad-gītā. Doch Aktivitäten, die zu fortgeschrittenem spirituellem Wissen führen, dürfen nicht aufgegeben werden. Dies wird im nächsten Vers näher erläutert. In den vedischen Schriften gibt es viele Anweisungen in bezug auf Opferhandlungen, die mit einem bestimmten Ziel ausgeführt werden. Es gibt einige Opfer, die dargebracht werden, weil man sich einen guten Sohn wünscht, oder weil man auf höhere Planeten erhoben werden will; doch Opfer, die von Verlangen veranlaßt werden, sollte man unterlassen. Man sollte jedoch niemals Opfer aufgeben, die das Herz reinigen und zu Fortschritt im spirituellen Wissen führen.



VERS 3


त्याज्यं दोषवदित्येके कर्म प्राहुर्मनीषिणः ।
यज्ञदानतपःकर्म न त्याज्यमिति चापरे ॥३॥

tyājyaṁ doṣavad ity eke
karma prāhur manīṣiṇaḥ
yajña-dāna-tapaḥ-karma
na tyājyam iti cāpare

tyājyam – muß aufgegeben werden; doṣavat – wie ein schlechter; iti – somit; eke – eine Gruppe; karma – Arbeit; prāhuḥ – gesagt; manīṣiṇaḥ – von großen Denkern; yajña – Opfer; dāna – Wohltätigkeit; tapaḥ – Buße; karma – Arbeit; na – niemals; tyājyam – darf aufgegeben werden; iti – so; ca – gewiß; apare – andere.

ÜBERSETZUNG

Einige Gelehrte erklären, daß alle Arten fruchtbringender Aktivitäten aufgegeben werden sollten; doch es gibt andere Weise, die der Meinung sind, Opferhandlungen, Wohltätigkeit und Buße solle man niemals aufgeben.

ERKLÄRUNG

In den vedischen Schriften werden viele Aktivitäten erwähnt, die Anlaß zu Wortgefechten geben. Zum Beispiel wird gesagt, es sei erlaubt, in einem Opfer ein Tier zu töten, aber dennoch behaupten manche Menschen, das Töten von Tieren sei in jedem Falle verwerflich. In den vedischen Schriften wird zwar das Opfern von Tieren empfohlen, doch das geopferte Tier gilt nicht als getötet. Das Opfer ist dazu bestimmt, dem Tier ein neues Leben zu schenken. Manchmal wird dem Tier, nachdem es im Opfer getötet wurde, ein weiteres tierisches Leben gegeben, doch es ist ebensogut möglich, daß es sofort zur menschlichen Form des Lebens erhoben wird. Dennoch gibt es unter den Weisen unterschiedliche Auffassungen. Einige sagen, das Töten von Tieren solle in jedem Fall vermieden werden, wohingegen andere meinen, daß dies für ein besonderes Opfer durchaus erlaubt sei. All diese verschiedenen Ansichten hinsichtlich Opferhandlungen werden nun vom Herrn Selbst klargestellt.



VERS 4


निश्चयं शृणु मे तत्र त्यागे भरतसत्तम ।
त्यागो हि पुरुषव्याघ्र त्रिविधः संप्रकीर्त्तितः ॥४॥

niścayaṁ śṛṇu me tatra
tyāge bharata-sattama
tyāgo hi puruṣa-vyāghra
tri-vidhaḥ samprakīrtitaḥ

niścayam – sicherlich; śṛṇu – höre; me – von Mir; tatra – dort; tyāge – was Entsagung betrifft; bharata-sattama – O Bester der Bharatas; tyāgaḥ – Entsagung; hi – zweifellos; puruṣa-vyāghra – O Tiger unter den Menschen; tri-vidhaḥ – drei Arten; samprakīrtitaḥ – wird erklärt.

ÜBERSETZUNG

O Bester der Bhāratas, höre nun von Mir über Entsagung. O Tiger unter den Menschen, es gibt drei Arten von Entsagung, die in den Schriften erklärt werden.

ERKLÄRUNG

Über Entsagung gibt es viele Meinungsverschiedenheiten, doch hier fällt der Persönliche Gott, Śrī Kṛṣṇa, Sein Urteil, das als endgültig akzeptiert werden sollte, denn die Veden sind Gesetze, die vom Herrn erlassen wurden. Hier ist der Herr persönlich gegenwärtig, und Sein Wort sollte als endgültig akzeptiert werden. Der Herr sagt, der Vorgang der Entsagung solle in bezug auf die Erscheinungsweisen der materiellen Natur betrachtet werden, in denen man Entsagung übe.



VERS 5


यज्ञदानतपःकर्म न त्याज्यं कार्यमेव तत् ।
यज्ञो दानं तपश्चैव पावनानि मनीषिणाम् ॥५॥

yajña-dāna-tapaḥ-karma
na tyājyaṁ kāryam eva tat
yajño dānaṁ tapaś caiva
pāvanāni manīṣiṇām

yajña – Opfer; dāna – Wohltätigkeit; tapaḥ – Buße; karma – Aktivitäten; na – niemals; tyājyam – dürfen aufgegeben werden; kāryam – muß getan werden; eva – gewiß; tat – dieses; yajñaḥ – Opfer; dānam – Wohltätigkeit; tapaḥ – Buße; ca – auch; eva – gewiß; pāvanāni – reinigend; manīṣiṇām – selbst für die großen Seelen.

ÜBERSETZUNG

Opferhandlungen, Wohltätigkeit und Buße sollten nicht aufgegeben, sondern ausgeführt werden. Selbst die großen Seelen werden durch Opfer, Wohltätigkeit und Buße gereinigt.

ERKLÄRUNG

Yogīs sollten in solcher Weise handeln, daß die menschliche Gesellschaft Fortschritt machen kann. Es gibt viele Reinigungsvorgänge, mit deren Hilfe ein Mensch zum spirituellen Leben erhoben werden kann. Die Heiratszeremonie zum Beispiel gilt als eines dieser Opfer. Sie wird vivāha-yajña genannt. Sollte ein sannyāsī, der sich auf der Lebensstufe der Entsagung befindet und alle Familienverbindungen aufgegeben hat, anderen zur Heirat raten? Der Herr sagt hier, daß jedes Opfer, das für das Wohl der Menschen bestimmt sei, niemals aufgegeben werden solle. Vivāha-yajña, die Heiratszeremonie, ist dazu gedacht, den menschlichen Geist zu regulieren, so daß man friedlich wird und auf diese Weise spirituellen Fortschritt machen kann. Den meisten Menschen sollte zu diesem vivāha-yajña geraten werden – sogar von Menschen, die sich auf der Lebensstufe der Entsagung befinden. Sannyāsīs sollten niemals mit Frauen zusammensein, aber das bedeutet nicht, daß ein junger Mann, der sich auf einer niedrigeren Lebensstufe befindet, nicht heiraten sollte. Alle vorgeschriebenen Opfer sind dazu bestimmt, den Höchsten Herrn zu erreichen. Deshalb sollten sie nicht von Menschen aufgegeben werden, die sich auf einer unteren Stufe des Lebens befinden. In ähnlicher Weise ist Wohltätigkeit für die Reinigung des Herzens bestimmt. Wenn Wohltätigkeit – wie zuvor beschrieben wurde – geeigneten Menschen erwiesen wird, führt sie zu Fortschritt im spirituellen Leben.



VERS 6


एतान्यपि तु कर्माणि सङ्गं त्यक्त्वा फलानि च ।
कर्त्तव्यानीति मे पार्थ निश्चितं मतमुत्तमम् ॥६॥

etāny api tu karmāṇi
saṅgaṁ tyaktvā phalāni ca
kartavyānīti me pārtha
niścitaṁ matam uttamam

etāni – all dies; api – gewiß; tu – muß; karmāṇi – Aktivitäten; saṅgam – Umgang; tyaktvā – wenn man verzichtet auf; phalāni – Ergebnisse; ca – auch; kartavyāni – als Pflicht; iti – somit; me – Meine; pārtha – O Sohn Pṛthās; niścitam – endgültig; matam – Meinung; uttamam – die beste.

ÜBERSETZUNG

All diese Aktivitäten sollte man ausführen, ohne ein Ergebnis zu erwarten. Man sollte ihre Ausführung als Pflicht betrachten, o Sohn Pṛthās. Das ist Meine endgültige Meinung.

ERKLÄRUNG

Obwohl alle Opfer reinigen, sollte man von ihnen keine Ergebnisse erwarten. Mit anderen Worten, alle Opfer, die für den materiellen Fortschritt im Leben bestimmt sind, sollten aufgegeben werden, wohingegen Opfer, die die Existenz reinigen und zur spirituellen Ebene erheben, nicht eingestellt werden sollten. Alles, was zum Kṛṣṇa-Bewußtsein führt, sollte in jedem Fall gefördert werden. Auch im Śrīmad-Bhāgavatam wird gesagt, daß jede Aktivität angenommen werden sollte, die zum hingebungsvollen Dienen für den Herrn führt. Dies ist das höchste Kriterium für Religion. Ein Gottgeweihter sollte jede Art von Arbeit, Opfer oder Wohltätigkeit akzeptieren, die für die Ausführung des hingebungsvollen Dienens hilfreich ist.



VERS 7


नियतस्य तु संन्यासः कर्मणो नोपपद्यते ।
मोहात्तस्य परित्यागस्तामसः परिकीर्त्तितः ॥७॥

niyatasya tu sannyāsaḥ
karmaṇo nopapadyate
mohāt tasya parityāgas
tāmasaḥ parikīrtitaḥ

niyatasya – vorgeschriebene Pflichten; tu – aber; sannyāsaḥ – Entsagung; karmaṇaḥ – Aktivitäten; na – niemals; upapadyate – einen Anspruch haben auf; mohāt – durch Illusion; tasya – von; parityāgaḥ – Entsagung; tāmasaḥ – in der Erscheinungsweise der Unwissenheit; parikīrtitaḥ – erklärt.

ÜBERSETZUNG

Vorgeschriebene Pflichten sollten niemals aufgegeben werden. Wenn jemand, in Illusion, seine vorgeschriebenen Pflichten aufgibt, befindet sich solche Entsagung in der Erscheinungsweise der Unwissenheit.

ERKLÄRUNG

Handlungen zur Befriedigung des materiellen Körpers sollten aufgegeben werden, doch Tätigkeiten, die zu spirituellen Aktivitäten führen, wie für den Herrn kochen, Ihm die Speisen opfern und danach die geopferte Nahrung essen, werden empfohlen. Es wird gesagt, daß ein Mensch, der sich auf der Lebensstufe der Entsagung befindet, nicht für sich selbst kochen sollte. Es ist verboten, für sich selbst zu kochen, aber es ist durchaus nicht untersagt, für den Höchsten Herrn Speisen zuzubereiten. In ähnlicher Weise kann ein sannyāsī auch eine Heiratszeremonie durchführen, um seinem Schüler zu helfen, im Kṛṣṇa-Bewußtsein Fortschritte zu machen. Wer solche Aktivitäten zurückweist, handelt in der Erscheinungsweise der Dunkelheit.



VERS 8


दुःखमित्येव यत्कर्म कायक्लेशभयात्त्यजेत् ।
स कृत्वा राजसं त्यागं नैव त्यागफलं लभेत् ॥८॥

duḥkham ity eva yat karma
kāya-kleśa-bhayāt tyajet
sa kṛtvā rājasaṁ tyāgaṁ
naiva tyāga-phalaṁ labhet

duḥkham – unglücklich; iti – somit; eva – gewiß; yat – das was; karma – Arbeit; kāya – Körper; kleśa – mühsam; bhayāt – aus; tyajet – Furcht; saḥ – dies; kṛtvā – nachdem man getan hat; rājasam – in der Erscheinungsweise der Leidenschaft; tyāgam – Entsagung; na eva – gewiß nicht; tyāga – entsagt; phalam – Ergebnisse; labhet – Gewinn.

ÜBERSETZUNG

Wer seine vorgeschriebenen Pflichten aus Angst aufgibt, oder weil sie ihm zu mühsam erscheinen, befindet sich in der Erscheinungsweise der Leidenschaft. Solches Handeln führt niemals zur Stufe der Entsagung.

ERKLÄRUNG

Wer sich im Kṛṣṇa-Bewußtsein befindet, sollte nicht aus Angst, fruchtbringende Aktivitäten zu verrichten, aufhören, Geld zu verdienen. Wenn man durch Arbeit der Bewegung für Kṛṣṇa-Bewußtsein mit Geld helfen oder durch frühes Aufstehen sein transzendentales Kṛṣṇa-Bewußtsein fördern kann, sollte man nicht aus Furcht, oder weil solche Aktivitäten zu mühsam erscheinen, davon Abstand nehmen. Solche Entsagung befindet sich in der Erscheinungsweise der Leidenschaft. Das Ergebnis leidenschaftlicher Arbeit ist immer leidvoll; doch auch wenn sich ein Mensch lediglich von solcher Arbeit zurückzieht, erhält er niemals das Ergebnis der Entsagung.



VERS 9


कार्यमित्येव यत्कर्म नियतं क्रियतेऽर्जुन ।
सङ्गं त्यक्त्वा फलञ्चैव स त्यागः सात्त्विको मतः ॥९॥

kāryam ity eva yat karma
niyataṁ kriyate 'rjuna
saṅgaṁ tyaktvā phalaṁ caiva
sa tyāgaḥ sāttviko mataḥ

kāryam – muß getan werden; iti – somit; eva – gewiß; yat – das was; karma – Arbeit; niyatam – vorgeschrieben; kriyate – ausgeführt; arjuna – O Arjuna; saṅgam – Verbindung; tyaktvā – aufgeben; phalam – Ergebnis; ca – auch; eva – gewiß; saḥ – diese; tyāgaḥ – Entsagung; sāttvikaḥ – in der Erscheinungsweise der Reinheit; mataḥ – Meiner Ansicht nach.

ÜBERSETZUNG

Die Entsagung eines Menschen jedoch, der seine vorgeschriebene Pflicht erfüllt, weil sie getan werden muß, und der jede Anhaftung an die Früchte seines Handelns aufgibt, befindet sich in der Erscheinungsweise der Reinheit, o Arjuna.

ERKLÄRUNG

Vorgeschriebene Pflichten müssen in diesem Bewußtsein erfüllt werden. Man sollte handeln, ohne am Ergebnis zu haften, und weder eine bestimmte Arbeit bevorzugen noch eine andere ablehnen. Ein Mensch, der im Kṛṣṇa-Bewußtsein in einer Fabrik arbeitet, identifiziert sich nicht mit seiner Arbeit und verkehrt auch nicht mit den anderen Arbeitern. Er arbeitet allein für Kṛṣṇa, und weil er für Kṛṣṇa auf das Ergebnis verzichtet, ist sein Handeln transzendental.



VERS 10


न द्वेष्ट्यकुशलं कर्म कुशले नानुषज्जते ।
त्यागी सत्त्वसमाविष्टो मेधावी छिन्नसंशयः ॥१०॥

na dveṣṭy akuśalaṁ karma
kuśale nānuṣajjate
tyāgī sattva-samāviṣṭo
medhāvī chinna-saṁśayaḥ

na – niemals; dveṣṭi – haßt; akuśalam – unangenehm; karma – Arbeit; kuśale – angenehmer; na – auch nicht; anuṣajjate – haftet; tyāgī – derjenige, der entsagt; sattva – Reinheit; samāviṣṭaḥ – versunken in; medhāvī – intelligent; chinna – frei sein von; saṁśayaḥ – allen Zweifeln.

ÜBERSETZUNG

Wer weder unangenehme Arbeit haßt noch an angenehmer Arbeit haftet, die sich in der Erscheinungsweise der Reinheit befindet, kennt hinsichtlich der Arbeit keine Zweifel.

ERKLÄRUNG

In der Bhagavad-gītā wird gesagt, daß man niemals und zu keiner Zeit aufhören kann zu arbeiten. Wer daher für Kṛṣṇa arbeitet, die Früchte der Ergebnisse nicht genießt und alles Kṛṣṇa opfert, ist wahrhaft entsagungsvoll. Es gibt viele Mitglieder der Internationalen Gesellschaft für Kṛṣṇa-Bewußtsein, die in einem Büro, einer Fabrik oder an einem anderen Ort sehr schwer arbeiten und ihren ganzen Verdienst der Gesellschaft zur Verfügung stellen. Solche weit fortgeschrittenen Seelen sind im Grunde genommen sannyāsīs und befinden sich auf der Lebensstufe der Entsagung. Es wird hier eindeutig erklärt, auf welche Weise man den Früchten der Arbeit entsagen kann und zu welchem Zweck auf die Früchte verzichtet werden sollte.



VERS 11


न हि देहभृता शक्यं त्यक्तुं कर्माण्यशेषतः ।
यस्तु कर्मफलत्यागी स त्यागीत्यभिधीयते ॥११॥

na hi deha-bhṛtā śakyaṁ
tyaktuṁ karmāṇy aśeṣataḥ
yas tu karma-phala-tyāgī
sa tyāgīty abhidhīyate

na – niemals; hi – zweifellos; deha-bhṛtā – des verkörperten Wesens; śakyam – möglich; tyaktum – zu entsagen; karmāṇi – Aktivitäten von; aśeṣataḥ – alle zusammen; yaḥ tu – jeder, der; karma – Arbeit; phala – Ergebnis; tyāgī – Entsagungsvoller; saḥ – er; tyāgī – der Entsagungsvolle; iti – somit; abhidhīyate – es wird gesagt.

ÜBERSETZUNG

Einem verkörperten Wesen ist es niemals möglich, alle Aktivitäten aufzugeben. Deshalb wird gesagt, daß derjenige, der auf die Früchte der Handlung verzichte, wahrhaft entsagungsvoll sei.

ERKLÄRUNG

Ein Mensch im Kṛṣṇa-Bewußtsein, der im Wissen von seiner Beziehung zu Kṛṣṇa handelt, ist immer befreit. Deshalb braucht er nach dem Tod die Ergebnisse seiner Handlungen weder zu genießen noch zu erleiden.



VERS 12


अनिष्टमिष्टं मिश्रञ्च त्रिविधं कर्मणः फलम् ।
भवत्यत्यागिनां प्रेत्य न तु संन्यासिनां क्वचित् ॥१२॥

aniṣṭam iṣṭaṁ miśraṁ ca
tri-vidhaṁ karmaṇaḥ phalam
bhavaty atyāgināṁ pretya
na tu sannyāsināṁ kvacit

aniṣṭam – zur Hölle führend; iṣṭam – zum Himmel führend; miśram ca – oder Mischung; tri-vidham – drei Arten; karmaṇaḥ – Arbeit; phalam – Ergebnis; bhavati – wird; atyāginām – des Entsagungsvollen; pretya – nach dem Tod; na tu – aber nicht; sannyāsinām – der Stufe der Entsagung; kvacit – zu jeder Zeit.

ÜBERSETZUNG

Einem Menschen, der nicht entsagungsvoll ist, fallen nach dem Tode die dreifachen Ergebnisse der Handlung zu – die wünschenswerten, die unerwünschten und die vermischten. Wer sich aber auf der Lebensstufe der Entsagung befindet, braucht solche Ergebnisse nicht zu erleiden oder zu genießen.

ERKLÄRUNG

Ein Mensch, der sich im Kṛṣṇa-Bewußtsein befindet, haßt niemanden und nichts, auch wenn seinem Körper Schwierigkeiten bereitet werden. Er arbeitet an einem geeigneten Ort zu einer geeigneten Zeit, ohne sich vor den unangenehmen Nachwirkungen seiner Pflicht zu fürchten. Man sollte wissen, daß solch ein in der Transzendenz verankerter Mensch im höchsten Maße intelligent ist, und daß seine Aktivitäten über alle Zweifel erhaben sind.



VERS 13-14


पञ्चैतानि महाबाहो कारणानि निबोध मे ।
साङ्ख्ये कृतान्ते प्रोक्तानि सिद्धये सर्वकर्मणाम् ॥१३॥



अधिष्ठानं तथा कर्त्ता करणञ्च पृथग्विधम् ।
विविधाश्च पृथक्चेष्टा दैवञ्चैवात्र पञ्चमम् ॥१४॥

pañcaitāni mahā-bāho
kāraṇāni nibodha me
sāṅkhye kṛtānte proktāni
siddhaye sarva-karmaṇām

adhiṣṭhānaṁ tathā kartā
karaṇaṁ ca pṛthag-vidham
vividhāś ca pṛthak ceṣṭā
daivaṁ caivātra pañcamam

pañca – fünf; etāni – all diese; mahā-bāho – O Starkarmiger; kāraṇāni – Ursache; nibodha – verstehe nur; me – von Mir; sāṅkhye – in den Veden; kṛtānte – nach der Durchführung; proktāni – gesagt; siddhaye – Vollkommenheit; sarva – alle; karmaṇām – ausgelöst; adhiṣṭhānam – Ort; tathā – auch; kartā – Ausführender; karaṇam ca – und Instrumente; pṛthak-vidham – verschiedene Arten; vividhāḥ ca – Verschiedenartigkeiten; pṛthak – getrennt; ceṣṭāḥ – Bemühung; daivam – der Höchste; ca – auch; eva – gewiß; atra – hier; pañcamam – fünf.

ÜBERSETZUNG

O starkarmiger Arjuna, höre nun von Mir über die fünf Faktoren, die jede Handlung verursachen und zur Vollkommenheit führen. Sie werden in der sāṅkhya-Philosophie beschrieben als der Ort der Handlung, der Ausführende, die Sinne, die Bemühung und die Überseele.

ERKLÄRUNG

Es mag in diesem Zusammenhang folgende Frage auftauchen: wenn auf jede Aktivität, die ausgeführt wird, eine Reaktion erfolgt, wie kann es dann möglich sein, daß ein Mensch im Kṛṣṇa-Bewußtsein die Reaktionen auf sein Handeln weder genießen noch erleiden muß? Um zu erklären, wie dies möglich ist, zitiert der Herr die Philosophie des Vedānta. Er sagt, daß es fünf Ursachen für alle Aktivitäten und den Erfolg in allen Aktivitäten gebe, und daß man diese fünf Ursachen kennen solle. Sāṅkhya bedeutet die Stütze des Wissens, und der Vedānta ist die entscheidende Stütze des Wissens, die von allen führenden ācāryas akzeptiert wird. Selbst Śaṅkara akzeptierte das Vedānta-sūtra als solches. Daher sollte man sich an eine solche Autorität wenden.

Wie in der Bhagavad-gītā gesagt wird, „sarvasya cāhaṁ hṛdi“, verfügt der Paramātmā, die Überseele, über den entscheidenden Willen. Er beschäftigt jeden in bestimmten Aktivitäten. Handlungen, die nach Seiner von innen her kommenden Weisung ausgeführt werden, bringen weder in diesem Leben noch im Leben nach dem Tode Reaktionen mit sich.

Die Werkzeuge der Handlung sind die Sinne; durch die Sinne handelt die Seele auf verschiedene Weise, und für jede einzelne Handlung wird eine unterschiedliche Bemühung unternommen. Doch alle Aktivitäten sind letztlich vom Willen der Überseele abhängig, die als Freund im Herzen weilt. Der Höchste Herr ist die übergeordnete Ursache. Wer also Kṛṣṇa-bewußt ist und nach der Weisung der Überseele handelt, wird von keiner Aktivität gebunden. Diejenigen, die völlig Kṛṣṇa-bewußt sind, tragen letzten Endes für ihre Handlungen keine Verantwortung. Ihr ganzes Handeln ist vom höchsten Willen abhängig, von der Überseele, dem Höchsten Persönlichen Gott.



VERS 15


शरीरवाङ्मनोभिर्यत्कर्म प्रारभते नरः ।
न्याय्यं वा विपरीतं वा पञ्चैते तस्य हेतवः ॥१५॥

śarīra-vāṅmanobhir yat
karma prārabhate naraḥ
nyāyyaṁ vā viparītaṁ vā
pañcaite tasya hetavaḥ

śarīra – Körper; vāk – Rede; manobhiḥ – durch den Geist; yat – alles; karma – Arbeit; prārabhate – beginnt; naraḥ – ein Mensch; nyāyyam – richtig; – oder; viparītam – das Gegenteil; – oder; pañca – fünf; ete – all dies; tasya – ihre; hetavaḥ – Ursache.

ÜBERSETZUNG

Jede richtige oder falsche Handlung, die ein Mensch mit dem Körper, dem Geist oder mit Worten ausführt, wird von diesen fünf Faktoren verursacht.

ERKLÄRUNG

Die Worte „richtig" und „falsch" sind in diesem Vers sehr bedeutsam. Unter richtiger Handlung sind Handlungen zu verstehen, die nach den in den Schriften vorgeschriebenen Richtlinien ausgeführt werden, und mit falscher Handlung sind Handlungen gemeint, die entgegen den Prinzipien der Unterweisungen der Schriften ausgeführt werden. Für die Ausführung aller Handlungen jedoch sind die im vorhergehenden Vers aufgeführten fünf Faktoren erforderlich.



VERS 16


तत्रैवं सति कर्त्तारमात्मानं केवलन्तु यः ।
पश्यत्यकृतबुद्धित्वान्न स पश्यति दुर्मतिः ॥१६॥

tatraivaṁ sati kartāram
ātmānaṁ kevalaṁ tu yaḥ
paśyaty akṛta-buddhitvān
na sa paśyati durmatiḥ

tatra – dort; evam – gewiß; sati – da es so ist; kartāram – des Arbeiters; ātmānam – die Seele; kevalam – nur; tu – aber; yaḥ – jeder; paśyati – sieht; akṛta-buddhitvāt – aufgrund mangelnder Intelligenz; na – niemals; saḥ – er; paśyati – sieht; durmatiḥ – dumm.

ÜBERSETZUNG

Daher ist jeder, der sich für den alleinigen Handelnden hält und diese fünf Faktoren nicht in Betracht zieht, nicht sehr intelligent und kann die Dinge nicht so sehen, wie sie wirklich sind.

ERKLÄRUNG

Ein dummer Mensch kann nicht verstehen, daß die Überseele als Freund in seinem Innern weilt und seine Handlungen lenkt. Der Ort, der Ausführende, die Bemühung und die Sinne sind zwar die materiellen Ursachen für eine Handlung, doch die endgültige Ursache ist der Höchste Persönliche Gott. Deshalb sollte man nicht nur die vier materiellen Ursachen sehen, sondern auch die höchste Ursache. Wer den Höchsten nicht sieht, hält sich selbst für den Handelnden.



VERS 17


यस्य नाहंकृतो भावो बुद्धिर्यस्य न लिप्यते ।
हत्वापि स इमाँल्लोकान्न हन्ति न निबध्यते ॥१७॥

yasya nāhaṅkṛto bhāvo
buddhir yasya na lipyate
hatvāpi sa imāḹ lokān
na hanti na nibadhyate

yasya – von jemandem, der; na – niemals; ahaṅkṛtaḥ – falsches Ich; bhāvaḥ – Natur; buddhiḥ – Intelligenz; yasya – wer; na – niemals; lipyate – ist angehaftet; hatvā api – sogar wenn er tötet; saḥ – er; imān – diese; lokān – Welt; na – niemals; hanti – tötet; na – niemals; nibadhyate – wird verstrickt.

ÜBERSETZUNG

Wer nicht vom falschen Ich motiviert und wessen Intelligenz nicht verstrickt ist, ist, selbst wenn er in dieser Welt Menschen tötet, kein Mörder, noch wird er durch seine Handlungen gebunden.

ERKLÄRUNG

Hier gibt der Herr Arjuna zu verstehen, daß dessen Verlangen, nicht zu kämpfen, dem falschen Ich entspringe. Arjuna hielt sich selbst für den Handelnden, ohne dabei die innere und äußere Sanktion des Höchsten in Betracht zu ziehen. Wenn man nicht weiß, daß es eine höhere Sanktion gibt, handelt man in Illusion. Wer jedoch das Instrument der Arbeit kennt, und weiß, daß er selbst der Handelnde und der Herr der höchste Sanktionierende ist, ist in allem, was er tut, vollkommen. Solch ein Mensch befindet sich niemals in Illusion. Eigene Aktivität und Verantwortlichkeit entstehen aus falschem Ich und Gottlosigkeit bzw. aus mangelndem Kṛṣṇa-Bewußtsein. Jeder, der im Kṛṣṇa-Bewußtsein unter der Führung der Überseele, des Höchsten Persönlichen Gottes, handelt, tötet nicht, obwohl es vielleicht so erscheint, als töte er. Auch wird er niemals von der Reaktion auf solches Töten beeinflußt. Wenn ein Soldat unter dem Befehl eines höheren Offiziers tötet, ist er keiner Bestrafung ausgesetzt; wenn er aber auf eigene Verantwortung tötet, wird er zweifellos von einem Gericht verurteilt.



VERS 18


ज्ञानं ज्ञेयं परिज्ञाता त्रिविधा कर्मचोदना ।
करणं कर्म कर्त्तेति त्रिविधः कर्मसंग्रहः ॥१८॥

jñānaṁ jñeyaṁ parijñātā
tri-vidhā karma-codanā
karaṇaṁ karma karteti
tri-vidhaḥ karma-saṅgrahaḥ

jñānam – Wissen; jñeyam – Ziel; parijñātā – der Kenner; tri-vidhā – drei Arten; karma – Arbeit; codanā – Anstoß; karaṇam – die Sinne; karma – Arbeit; kartā – der Ausführende; iti – somit; tri-vidhaḥ – drei Arten; karma – Arbeit; saṅgrahaḥ – Anhäufung.

ÜBERSETZUNG

Wissen, das Ziel des Wissens und der Wissende sind die drei Faktoren, die eine Handlung verursachen; die Sinne, die Arbeit und der Ausführende bilden die dreifache Grundlage einer Handlung.

ERKLÄRUNG

Für jede Handlung gibt es drei Faktoren: Wissen, der Gegenstand des Wissens und der Wissende. Die Werkzeuge der Handlung, die Handlung selbst und der Ausführende werden die Bestandteile der Handlung genannt. Jede Arbeit, die von einem Menschen verrichtet wird, beinhaltet diese Elemente. Bevor man handelt, ist ein Impuls vorhanden, der Anregung genannt wird. Jede Lösung, zu der man bereits vor der eigentlichen Handlung kommt, nennt man Handlung in feiner Form. Daraufhin wird diese feine Form der Handlung in Aktivitäten umgesetzt. Bevor diese Aktivitäten ausgeführt werden können, muß man sich also den psychologischen Vorgängen des Denkens, Fühlens und Wollens unterziehen, das heißt, es muß eine Anregung erfolgen. Das Vertrauen, das notwendig ist, um Handlungen auszuführen, wird Wissen genannt. Zwischen den Anweisungen zur Arbeit, die von der Schrift, und den Unterweisungen, die vom geistigen Meister gegeben werden, besteht kein Unterschied. Wenn die Anweisung und der Ausführende vorhanden sind, kommt die eigentliche Aktivität mit Hilfe der Sinne zustande. Der Geist ist das Zentrum der Sinne, und das Ziel der Sinne ist die Handlung. Dies sind die verschiedenen Phasen der Handlung, wie sie in der Bhagavad-gītā beschrieben werden. Die Gesamtsumme aller Aktivitäten wird die Gesamtheit des Handelns genannt.



VERS 19


ज्ञानं कर्म च कर्त्ता च त्रिधैव गुणभेदतः ।
प्रोच्यते गुणसंख्याने यथावच्छृणु तान्यपि ॥१९॥

jñānaṁ karma ca kartā ca
tridhaiva guṇa-bhedataḥ
procyate guṇa-saṅkhyāne
yathāvac chṛṇu tāny api

jñānam – Wissen; karma – Arbeit; ca – auch; kartā – Arbeiter; ca – auch; tridhā – drei Arten; eva – gewiß; guṇa-bhedataḥ – nach den verschiedenen Erscheinungsweisen der materiellen Natur; procyate – es wird gesagt; guṇa-saṅkhyāne – nach den verschiedenen Erscheinungsweisen; yathāvat – wie sie wirken; śṛṇu – höre; tāni – darüber; api – auch.

ÜBERSETZUNG

In Entsprechung zu den drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur gibt es drei Arten des Wissens, der Handlung und der Ausführenden. Höre, wie ich sie beschreibe.

ERKLÄRUNG

Im Vierzehnten Kapitel wurden die drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur ausführlich beschrieben. Dort wurde gesagt, daß die Erscheinungsweise der Reinheit erleuchtend, daß die der Leidenschaft materialistisch ist, und daß die Erscheinungsweise der Unwissenheit zu Faulheit und Trägheit führt. Alle Erscheinungsweisen der Natur binden das Lebewesen; sie sind nicht die Ursache für Befreiung. Sogar in der Erscheinungsweise der Reinheit ist man immer noch bedingt. Im Siebzehnten Kapitel wurden die unterschiedlichen Arten der Verehrung beschrieben, die von verschiedenen Arten von Menschen in verschiedenen Erscheinungsweisen der materiellen Natur ausgeführt werden. In diesem Vers möchte der Herr über die verschiedenen Arten des Wissens, der Ausführenden und der Handlung in bezug auf die drei materiellen Erscheinungsweisen sprechen.



VERS 20


सर्वभूतेषु येनैकं भावमव्ययमीक्षते ।
अविभक्तं विभक्तेषु तज्ज्ञानं विद्धि सात्त्विकम् ॥२०॥

sarva-bhūteṣu yenaikaṁ
bhāvam avyayam īkṣate
avibhaktaṁ vibhakteṣu
taj jñānaṁ viddhi sāttvikam

sarva-bhūteṣu – in allen Lebewesen; yena – durch den; ekam – eine; bhāvam – Situation; avyayam – unvergänglich; īkṣate – sieht; avibhaktam – ungeteilt; vibhakteṣu – unzählige Male aufgeteilt; tat – dieses; jñānam – Wissen; viddhi – kennt; sāttvikam – in der Erscheinungsweise der Reinheit.

ÜBERSETZUNG

Das Wissen, durch das man die ungeteilte spirituelle Natur in allem Existierenden sieht – ungeteilt im Geteilten – ist Wissen in der Erscheinungsweise der Reinheit.

ERKLÄRUNG

Ein Mensch, der in jedem Körper die Seele sieht – ganz gleich ob es sich dabei um einen Halbgott, einen Menschen, ein Säugetier, einen Vogel, ein Raubtier, ein Wassertier oder eine Pflanze handelt – verfügt über Wissen, das sich in der Erscheinungsweise der Reinheit befindet. In allen Körpern ist eine spirituelle Seele gegenwärtig, obwohl diese in Entsprechung zu ihren vorangegangenen Aktivitäten unterschiedliche Körper angenommen haben mag. Wie im Siebten Kapitel beschrieben wird, manifestiert sich die lebendige Kraft in allen Körpern aufgrund der höheren Energie des Höchsten Herrn. Wenn man daher sieht, daß diese höhere Natur, die lebendige Kraft, in jedem Körper gegenwärtig ist, befindet man sich in der Erscheinungsweise der Reinheit. Diese lebendige Energie ist im Gegensatz zum Körper unvergänglich. Unterschiede werden nur in bezug auf den Körper wahrgenommen, denn im bedingten Leben existieren viele Formen des materiellen Daseins, und daher scheinen die Lebewesen aufgeteilt zu sein. Dieses unpersönliche Wissen führt letztlich zur Selbstverwirklichung.



VERS 21


पृथक्त्वेन तु यज्ज्ञानं नानाभावान्पृथग्विधान् ।
वेत्ति सर्वेषु भूतेषु तज्ज्ञानं विद्धि राजसम् ॥२१॥

pṛthaktvena tu yaj jñānaṁ
nānā-bhāvān-pṛthag-vidhān
vetti sarveṣu bhūteṣu
taj jñānaṁ viddhi rājasam

pṛthaktvena – aufgrund von Teilung; tu – aber; yat jñānam – welches Wissen; nānā-bhāvān – mannigfaltige Situationen; pṛthak-vidhān – unterschiedlich; vetti – wer weiß; sarveṣu – in allen; bhūteṣu – Lebewesen; tat jñānam – dieses Wissen; viddhi – muß gekannt werden; rājasam – in Leidenschaft.

ÜBERSETZUNG

Das Wissen, durch das man verschiedenartige Lebewesen in verschiedenen Körpern zu sehen glaubt, ist Wissen in der Erscheinungsweise der Leidenschaft.

ERKLÄRUNG

Die Auffassung, der materielle Körper sei das Lebewesen, und mit der Zerstörung des Körpers werde auch das Bewußtsein zerstört, wird Wissen in der Erscheinungsweise der Leidenschaft genannt. Nach diesem Wissen würden sich die Körper durch die Entwicklung verschiedener Arten des Bewußtseins voneinander unterscheiden, und es gäbe keine gesonderte Seele, die das Bewußtsein manifestierte. Der Körper selbst wäre die Seele, und es gäbe keine Seele jenseits des Körpers. Nach diesem Wissen wäre das Bewußtsein zeitweilig, und es würden keine individuellen Seelen und keine Höchste Seele existieren, sondern lediglich eine alldurchdringende Seele, die voller Wissen wäre, und der Körper wäre nur eine Manifestation zeitweiliger Unwissenheit. All diese Vorstellungen gelten als Produkte der Erscheinungsweise der Leidenschaft.



VERS 22


यत्तु कृत्स्नवदेकस्मिन्कार्ये सक्तमहैतुकम् ।
अतत्त्वार्थवदल्पञ्च तत्तामसमुदाहृतम् ॥२२॥

yat tu kṛtsnavad ekasmin
kārye saktam ahaitukam
atattvārthavad alpaṁ ca
tat tāmasam udāhṛtam

yat – das was; tu – aber; kṛtsnavat – Ein und Alles; ekasmin – in einer; kārye – Arbeit; saktam – angehaftet; ahaitukam – ohne Ursache; atattva-arthavat – ohne Realität; alpam ca – und sehr dürftig; tat – dieses; tāmasam – in der Erscheinungsweise der Dunkelheit; udāhṛtam – ist gesprochen worden.

ÜBERSETZUNG

Und das Wissen, durch das man an einer bestimmten Form der Arbeit als dem Ein und Alles haftet, ohne von der Wahrheit zu wissen, und das sehr dürftig ist, befindet sich in der Erscheinungsweise der Unwissenheit.

ERKLÄRUNG

Das Wissen des gewöhnlichen Menschen befindet sich immer in der Erscheinungsweise der Unwissenheit oder Dunkelheit, denn jedes Lebewesen im bedingten Leben ist in der Erscheinungsweise der Unwissenheit geboren. Wer nicht mit Hilfe der Autoritäten oder der Anweisungen der Schriften Wissen entwickelt, verfügt über Wissen, das sich auf den Körper beschränkt. Er kümmert sich nicht darum, ob er nach den Anweisungen der Schrift handelt oder nicht. Gott ist für ihn Geld, und Wissen bedeutet für ihn zu wissen, wie man die Bedürfnisse des Körpers am besten befriedigen kann. Solches Wissen hat keine Verbindung mit der Absoluten Wahrheit. Es gleicht mehr oder weniger dem Wissen der gewöhnlichen Tiere, die auch wissen, wie man ißt, schläft, sich verteidigt und sich paart. Solches Wissen wird in diesem Vers als ein Produkt der Erscheinungsweise der Dunkelheit beschrieben. Mit anderen Worten, das Wissen, das die spirituelle Seele betrifft, die sich jenseits des Körpers befindet, wird Wissen in der Erscheinungsweise der Reinheit genannt. Wissen, das mit Hilfe weltlicher Logik und gedanklicher Spekulationen viele Theorien und Doktrinen hervorbringt, ist ein Produkt der Erscheinungsweise der Leidenschaft, und das Wissen, das sich nur mit der Bequemlichkeit des Körpers befaßt, befindet sich in der Erscheinungsweise der Unwissenheit.



VERS 23


नियतं सङ्गरहितमरागद्वेषतः कृतम् ।
अफलप्रेप्सुना कर्म यत्तत्सात्त्विकमुच्यते ॥२३॥

niyataṁ saṅga-rahitam
arāga-dveṣataḥ kṛtam
aphala-prepsunā karma
yat tat sāttvikam ucyate

niyatam – regulierend; saṅga-rahitam – ohne Anhaftung; arāga-dveṣataḥ – ohne Liebe oder Haß; kṛtam – getan; aphala-prepsunā – ohne fruchtbringendes Ergebnis; karma – handelt; yat – das was; tat – dies; sāttvikam – in der Erscheinungsweise der Reinheit; ucyate – wird genannt.

ÜBERSETZUNG

Handlungen, die in Einklang mit der Pflicht, ohne Anhaftung und ohne Liebe oder Haß, von einem Menschen ausgeführt werden, der auch den Früchten der Ergebnisse entsagt hat, werden Handlungen in der Erscheinungsweise der Reinheit genannt.

ERKLÄRUNG

Die in den Schriften für die verschiedenen Stufen und Einteilungen in der Gesellschaft vorgeschriebenen regulierten Pflichten, die ohne Anhaftung oder Anspruch auf Eigentum, und deshalb ohne Liebe und Haß, im Kṛṣṇa-Bewußtsein für die Zufriedenstellung des Höchsten erfüllt werden und daher frei von Selbstvergnügen oder Selbstbefriedigung sind, werden Aktivitäten in der Erscheinungsweise der Reinheit genannt.



VERS 24


यत्तु कामेप्सुना कर्म साहङ्कारेण वा पुनः ।
क्रियते बहुलायासं तद्राजसमुदाहृतम् ॥२४॥

yat tu kāmepsunā karma
sāhaṅkāreṇa vā punaḥ
kriyate bahulāyāsaṁ
tad rājasam udāhṛtam

yat – das, was; tu – aber; kāma-īpsunā – mit einem fruchtbringenden Ergebnis; karma – Arbeit; sāhaṅkāreṇa – mit einem falschen Ich; – oder; punaḥ – wieder; kriyate – durchgeführt; bahula-āyāsam – mit viel Arbeit; tat – dies; rājasam – in der Erscheinungsweise der Leidenschaft; udāhṛtam – man sagt es sei.

ÜBERSETZUNG

Aktivitäten jedoch, die mit großer Anstrengung von einem Menschen ausgeführt werden, der seine Begierden befriedigen will, und die vom falschen Ich veranlaßt werden, nennt man Aktivitäten in der Erscheinungsweise der Leidenschaft.



VERS 25


अनुबन्धं क्षयं हिंसामनपेक्ष्य च पौरुषम् ।
मोहादारभ्यते कर्म यत्तत्तामसमुच्यते ॥२५॥

anubandhaṁ kṣayaṁ hiṁsām
anapekṣya ca pauruṣam
mohād ārabhyate karma
yat tat tāmasam ucyate

anubandham – zukünftige Bindung; kṣayam – abgelenkt; hiṁsām – Gewalt; anapekṣya – ohne die Konsequenzen zu beachten; ca – auch; pauruṣam – für andere schmerzlich; mohāt – durch Illusion; ārabhyate – angefangen; karma – Arbeit; yat – dies; tat – welches; tāmasam – in der Erscheinungsweise der Unwissenheit; ucyate – man sagt, es sei.

ÜBERSETZUNG

Und Aktivitäten, die in Unwissenheit und Illusion, ohne Rücksicht auf zukünftige Bindungen und Konsequenzen, ausgeführt werden, die anderen Leid zufügen und unpraktisch sind, werden Aktivitäten in der Erscheinungsweise der Unwissenheit genannt.

ERKLÄRUNG

Ebenso wie dem Staat, so muß man auch den Hilfskräften des Höchsten Herrn, den Yamadūtas, über sein Handeln Rechenschaft ablegen. Unverantwortliche Handlungen sind Wahnsinn, weil sie die in den Schriften gegebenen regulierenden Prinzipien verletzen. Sie beruhen oft auf Gewalt und bringen anderen Lebewesen Leid. Solche unverantwortlichen Handlungen werden aufgrund persönlicher Erfahrung ausgeführt. Das wird Illusion genannt. Solche von Illusion geprägten Handlungen sind ein Produkt der Erscheinungsweise der Unwissenheit.



VERS 26


मुक्तसङ्गोऽनहंवादी धृत्युत्साहसमन्वितः ।
सिद्ध्यसिद्ध्योर्निर्विकारः कर्त्ता सात्त्विक उच्यते ॥२६॥

mukta-saṅgo 'nahaṁvādī
dhṛty-utsāha-samanvitaḥ
siddhy-asiddhyor nirvikāraḥ
kartā sāttvika ucyate

mukta-saṅgaḥ – befreit von aller materiellen Verbindung; anaham-vādī – ohne falsches Ich; dhṛti-utsāha – mit großer Begeisterung; samanvitaḥ – in dieser Weise qualifiziert; siddhi – Vollkommenheit; asiddhyoḥ – Fehler; nirvikāraḥ – ohne Veränderung; kartā – Handelnder; sāttvikaḥ – in der Erscheinungsweise der Reinheit; ucyate – man sagt, er sei.

ÜBERSETZUNG

Wer frei von allen materiellen Anhaftungen und frei vom falschen Ich, wer entschlossen und enthusiastisch ist und Erfolg und Mißerfolg gleichgültig gegenübersteht, handelt in der Erscheinungsweise der Reinheit.

ERKLÄRUNG

Ein Mensch im Kṛṣṇa-Bewußtsein ist immer transzendental zu den materiellen Erscheinungsweisen der Natur. Er erwartet kein Ergebnis von der Arbeit, die ihm anvertraut wurde, denn er steht über falschem Ich und Stolz. Dennoch ist er bis zur Vollendung seiner Arbeit enthusiastisch. Er kümmert sich nicht um das Leid, das er dafür auf sich nehmen muß, sondern bleibt immer voller Enthusiasmus. Er sorgt sich weder um Erfolg noch um Mißerfolg und wird von Leid und Glück nicht berührt. Wer so handelt, befindet sich in der Erscheinungsweise der Reinheit.



VERS 27


रागी कर्मफलप्रेप्सुर्लुब्धो हिंसात्मकोऽशुचिः ।
हर्षशोकान्वितः कर्त्ता राजसः परिकीर्त्तितः ॥२७॥

rāgī karma-phala-prepsur
lubdho hiṁsātmako 'śuciḥ
harṣa-śokānvitaḥ kartā
rājasaḥ parikīrtitaḥ

rāgī – sehr stark angehaftet; karma-phala – zu der Frucht der Arbeit; prepsuḥ – begehrend; lubdhaḥ – gierig; hiṁsā-ātmakaḥ – und immer neidisch; aśuciḥ – unsauber; harṣa-śoka-anvitaḥ – von Freude und Kummer bewegt; kartā – solch ein Handelnder; rājasaḥ – in der Erscheinungsweise der Leidenschaft; parikīrtitaḥ – wird erklärt.

ÜBERSETZUNG

Wer jedoch an den Früchten seiner Arbeit haftet und sie leidenschaftlich genießen will, wer gierig, neidisch und unrein ist und von Glück und Leid bewegt wird, handelt in der Erscheinungsweise der Leidenschaft.

ERKLÄRUNG

Ein Mensch haftet zu sehr an einer bestimmten Arbeit oder deren Ergebnis, weil er zu materialistisch ist, oder genauer gesagt, weil er zu sehr an Heim und Herd, Frau und Kindern usw. hängt. Solch ein Mensch ist nicht bestrebt, sein Leben auf eine höhere Ebene zu erheben, denn es geht ihm nur darum, die Welt in materieller Hinsicht so bequem wie möglich zu gestalten. Er ist im allgemeinen sehr gierig und denkt, daß alles, was er erreicht habe, von Dauer sei und niemals verloren gehe. Solch ein Mensch ist voller Neid und dazu bereit, alles zu tun, um seine Sinne zu befriedigen. Deshalb ist er unsauber, und es ist ihm gleichgültig, ob er sein Geld auf ehrliche oder unehrliche Weise verdient. Er ist sehr glücklich, wenn seine Arbeit erfolgreich ist, und niedergeschlagen, wenn sie erfolglos bleibt. Solch ein Mensch befindet sich in der Erscheinungsweise der Leidenschaft.



VERS 28


अयुक्तः प्राकृतः स्तब्धः शठो नैष्कृतिकोऽलसः ।
विषादी दीर्घसूत्री च कर्त्ता तामस उच्यते ॥२८॥

ayuktaḥ prākṛtaḥ stabdhaḥ
śaṭho naiṣkṛtiko 'lasaḥ
viṣādī dīrgha-sūtrī ca
kartā tāmasa ucyate

ayuktaḥ – ohne die Anweisungen der Schriften zu beachten; prākṛtaḥ – materialistisch; stabdhaḥ – widerspenstig; śaṭhaḥ – hinterlistig; naiṣkṛtikaḥ – es versteht, andere zu beleidigen; alasaḥ – faul; viṣādī – krankhaft; dīrgha-sūtrī – zögernd; ca – auch; kartā – Arbeiter; tāmasaḥ – in der Erscheinungsweise der Unwissenheit; ucyate – man sagt, er sei.

ÜBERSETZUNG

Und wer fortwährend Arbeit verrichtet, die den Anweisungen der Schriften widerspricht, wer materialistisch, eigensinnig und betrügerisch ist und es versteht, andere zu beleidigen, und wer faul, immer verdrießlich und von zögernder Natur ist, handelt in der Erscheinungsweise der Unwissenheit.

ERKLÄRUNG

Aus den Anweisungen der Schriften können wir verstehen, welche Arbeit verrichtet werden sollte und welche nicht. Diejenigen, die sich um die Anweisungen der Schriften nicht kümmern, gehen verbotener Arbeit nach und sind im allgemeinen von materialistischem Wesen. Sie handeln nach den Impulsen der Erscheinungsweisen der Natur, und nicht nach den Anweisungen der Schriften. Solche Menschen sind nicht sehr freundlich, sondern für gewöhnlich hinterlistig und darin geübt, andere zu beleidigen. Auch sind sie sehr faul, denn obwohl sie Pflichten haben, erfüllen sie diese nicht in rechter Weise, sondern verschieben sie, um sie später zu erledigen. Deshalb scheinen sie immer verdrießlich zu sein. Sie sind von zögernder Natur; was innerhalb einer Stunde erledigt werden kann, zögern sie über Jahre hinaus. Menschen, die so handeln, befinden sich in der Erscheinungsweise der Unwissenheit.



VERS 29


बुद्धेर्भेदं धृतेश्चैव गुणतस्त्रिविधं शृणु ।
प्रोच्यमानमशेषेण पृथक्त्वेन धनञ्जय ॥२९॥

buddher bhedaṁ dhṛteś caiva
guṇatas tri-vidhaṁ śṛṇu
procyamānam aśeṣeṇa
pṛthaktvena dhanañjaya

buddheḥ – der Intelligenz; bhedam – Unterschiede; dhṛteḥ – der Stetigkeit; ca – auch; eva – gewiß; guṇataḥ – durch die Erscheinungsweisen der materiellen Natur; tri-vidham – die drei Arten von; śṛṇu – höre nur; procyamānam – wie es von Mir beschrieben wird; aśeṣeṇa – im einzelnen; pṛthaktvena – unterschiedlich; dhanañjaya – O Gewinner von Reichtum.

ÜBERSETZUNG

O Gewinner von Reichtum, höre nun bitte, wie Ich dir ausführlich die drei Arten der Intelligenz und Entschlossenheit in bezug auf die drei Erscheinungsweisen der Natur erkläre.

ERKLÄRUNG

Nachdem der Herr das Wissen, das Ziel des Wissens und den Wissenden in bezug auf die drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur erklärt hat, definiert Er nun die Intelligenz und die Entschlossenheit des Handelnden.



VERS 30


प्रवृत्तिञ्च निवृत्तिञ्च कार्याकार्ये भयाभये ।
बन्धं मोक्षञ्च या वेत्ति बुद्धिः सा पार्थ सात्त्विकी ॥३०॥

pravṛttiṁ ca nivṛttiṁ ca
kāryākārye bhayābhaye
bandhaṁ mokṣaṁ ca yā vetti
buddhiḥ sā pārtha sāttvikī

pravṛttim – es wert sein; ca – auch; nivṛttim – es nicht wert sein; kārya – Arbeit; akārye – Reaktion; bhaya – ängstlich; abhaye – Furchtlosigkeit; bandham – Verpflichtung; mokṣam ca – und Befreiung; – das was; vetti – weiß; buddhiḥ – Intelligenz; – dies; pārtha – O Sohn Pṛthās; sāttvikī – in der Erscheinungsweise der Reinheit.

ÜBERSETZUNG

O Sohn Pṛthās, die Intelligenz, durch die man erkennt, was getan werden muß und was nicht getan werden darf, wovor man sich fürchten muß und wovor man sich nicht zu fürchten braucht, was bindend und was befreiend ist, befindet sich in der Erscheinungsweise der Reinheit.

ERKLÄRUNG

Handlungen, die nach den Anweisungen der Schriften ausgeführt werden, nennt man pravṛtti (Handlungen, die es wert sind, verrichtet zu werden), und Handlungen, die nicht in diesem Sinne ausgeführt werden, nennt man nivṛtti (Handlungen, die der Ausführung nicht wert sind) – sie sind verboten. Wer die Anweisungen der Schriften nicht kennt, wird in die Aktionen und Reaktionen, die auf seine Handlungen folgen, verstrickt. Die Intelligenz, mit deren Hilfe man in diesem Sinne unterscheidet, befindet sich in der Erscheinungsweise der Reinheit.



VERS 31


यया धर्ममधर्मञ्च कार्यञ्चाकार्यमेव च ।
अयथावत्प्रजानाति बुद्धिः सा पार्थ राजसी ॥३१॥

yayā dharmam adharmaṁ ca
kāryaṁ cākāryam eva ca
ayathāvat prajānāti
buddhiḥ sā pārtha rājasī

yayā – durch das; dharmam – Prinzipien der Religion; adharmam ca – und Irreligion; kāryam – Arbeit; ca – auch; akāryam – was nicht getan werden darf; eva – gewiß; ca – auch; ayathāvat – nicht vollkommen; prajānāti – kennt; buddhiḥ – Intelligenz; – dieses; pārtha – O Sohn Pṛthās; rājasī – in der Erscheinungsweise der Leidenschaft.

ÜBERSETZUNG

Und die Intelligenz, die zwischen religiöser und irreligiöser Lebensweise nicht unterscheiden kann – zwischen Handlungen, die ausgeführt, und Handlungen, die nicht ausgeführt werden sollten –, diese unvollkommene Intelligenz, o Sohn Pṛthās, befindet sich in der Erscheinungsweise der Leidenschaft.

ERKLÄRUNG

Intelligenz in der Erscheinungsweise der Leidenschaft ist pervertierte Intelligenz. Sie akzeptiert Religionen, die keine echten Religionen sind, und lehnt wahre Religionen ab. Alle Betrachtungsweisen und Handlungen sind fehlgeleitet. Menschen mit leidenschaftlicher Intelligenz halten eine große Seele für einen gewöhnlichen Menschen und einen gewöhnlichen Menschen für eine große Seele. Sie halten die Wahrheit für unwahr und akzeptieren die Unwahrheit als Wahrheit. Sie schlagen bei allen Aktivitäten den falschen Weg ein; deshalb befindet sich ihre Intelligenz in der Erscheinungsweise der Leidenschaft.



VERS 32


अधर्मं धर्ममिति या मन्यते तमसावृता ।
सर्वार्थान्विपरीतांश्च बुद्धिः सा पार्थ तामसी ॥३२॥

adharmaṁ dharmam iti yā
manyate tamasāvṛtā
sarvārthān viparītāṁś ca
buddhiḥ sā pārtha tāmasī

adharmam – Irreligion; dharmam – Religion; iti – somit; – welches; manyate – denkt; tamasā – von Illusion; āvṛtā – bedeckt; sarva-arthān – alle Dinge; viparītān – die falsche Richtung; ca – auch; buddhiḥ – Intelligenz; sa – dieses; pārtha – O Sohn Pṛthās; tāmasī – Die Erscheinungsweise der Unwissenheit.

ÜBERSETZUNG

O Sohn Pṛthās, die Intelligenz, die Irreligion für Religion und Religion für Irreligion hält, die im Bann der Illusion und Dunkelheit steht und stets in die falsche Richtung strebt, befindet sich in der Erscheinungsweise der Unwissenheit.



VERS 33


धृत्या यया धारयते मनःप्राणेन्द्रियक्रियाः ।
योगेनाव्यभिचारिण्या धृतिः सा पार्थ सात्त्विकी ॥३३॥

dhṛtyā yayā dhārayate
manaḥ prāṇendriya-kriyāḥ
yogenāvyabhicāriṇyā
dhṛtiḥ sā pārtha sāttvikī

dhṛtyā – Entschlossenheit; yayā – durch die; dhārayate – aufrechterhalten wird; manaḥ – Geist; prāṇa – Leben; indriya – Sinne; kriyāḥ – Aktivitäten; yogena – durch yoga-Praxis; avyabhicāriṇyā – ohne Unterbrechung; dhṛtiḥ – solche Entschlossenheit; sā – diese; pārtha – O Sohn Pṛthās; sāttvikī – in der Erscheinungsweise der Reinheit.

ÜBERSETZUNG

O Sohn Pṛthās, die Entschlossenheit, die niemals gebrochen werden kann, die durch das Praktizieren von yoga mit Standhaftigkeit aufrechterhalten wird und somit den Geist, das Leben und die Aktivitäten der Sinne beherrscht, befindet sich in der Erscheinungsweise der Reinheit.

ERKLÄRUNG

Yoga ist ein Mittel, die Höchste Seele zu verstehen. Wer ständig mit Entschlossenheit in der Höchsten Seele verankert ist und seinen Geist, sein Leben und seine sinnlichen Aktivitäten auf den Höchsten konzentriert, beschäftigt sich im Kṛṣṇa-Bewußtsein. Diese Art von Entschlossenheit befindet sich in der Erscheinungsweise der Reinheit. Das Wort avyabhicāriṇya ist sehr bedeutsam, denn es bezieht sich auf Menschen, die im Kṛṣṇa-Bewußtsein handeln und niemals von anderen Aktivitäten abgelenkt werden.



VERS 34


यया तु धर्मकामार्थान्धृत्या धारयतेऽर्जुन ।
प्रसङ्गेन फलाकाङ्क्षी धृतिः सा पार्थ राजसी ॥३४॥

yayā tu dharma-kāmārthān
dhṛtyā dhārayate 'rjuna
prasaṅgena phalākāṅkṣī
dhṛtiḥ sā pārtha rājasī

yayā – mit der; tu – aber; dharma-kāma-arthān – für Religiosität und wirtschaftliche Entwicklung; dhṛtyā – mit Entschlossenheit; dhārayate – in diesem Sinne; arjuna – O Arjuna; prasaṅgena – nach; phala-ākāṅkṣi – fruchtbringenden Ergebnisse verlangen; dhṛtiḥ – Entschlossenheit; – diese; pārtha – O Sohn Pṛthās; rājasī – in der Erscheinungsweise der Leidenschaft.

ÜBERSETZUNG

O Arjuna, die Entschlossenheit, mit der man nach fruchtbringenden Ergebnissen auf religiösem und wirtschaftlichem Gebiet und nach Sinnesbefriedigung strebt, befindet sich in der Erscheinungsweise der Leidenschaft.

ERKLÄRUNG

Jeder Mensch, der ständig nach fruchtbringenden Ergebnissen in religiösen oder ökonomischen Aktivitäten strebt, dessen einziges Verlangen die Befriedigung der Sinne ist und der seinen Geist, sein Leben und seine Sinne in dieser Weise beschäftigt, befindet sich in der Erscheinungsweise der Leidenschaft.



VERS 35


यया स्वप्नं भयं शोकं विषादं मदमेव च ।
न विमुञ्चति दुर्मेधा धृतिः सा तामसी मता ॥३५॥

yayā svapnaṁ bhayaṁ śokaṁ
viṣādaṁ madam eva ca
na vimuñcati durmedhā
dhṛtiḥ sā pārtha tāmasī

yayā – durch die; svapnam – Traum; bhayam – Angst; śokam – Klagen; viṣādam – Verdrießlichkeit; madam – Illusion; eva – gewiß; ca – auch; na – niemals; vimuñcati – ist befreit; durmedhāḥ – unintelligent; dhṛtiḥ – Entschlossenheit; – diese; pārtha – O Sohn Pṛthās; tāmasī – in der Erscheinungsweise der Unwissenheit.

ÜBERSETZUNG

Und die Entschlossenheit, die über Träume, Angst, Klagen, Verdrießlichkeit und Illusion nicht hinausgeht – solche unintelligente Entschlossenheit befindet sich in der Erscheinungsweise der Dunkelheit.

ERKLÄRUNG

Man sollte hieraus nicht schließen, ein Mensch in der Erscheinungsweise der Reinheit träume nicht. Hier bedeutet träumen zuviel Schlaf. Träume gibt es immer – ganz gleich ob in der Erscheinungsweise der Reinheit, Leidenschaft oder Unwissenheit, denn Träume sind ganz natürlich. Aber diejenigen, die es nicht vermeiden können, zuviel zu schlafen, die in ihrer Blasiertheit nicht aufhören können, materielle Objekte zu genießen, die immer davon träumen, über die materielle Welt zu herrschen, und deren Leben, Geist und Sinne in dieser Weise beschäftigt sind, befinden sich in der Erscheinungsweise der Unwissenheit.



VERS 36-37


सुखं त्विदानीं त्रिविधं शृणु मे भरतर्षभ ।
अभ्यासाद्रमते यत्र दुःखान्तञ्च निगच्छति ॥३६॥



यत्तदग्रे विषमिव परिणामेऽमृतोपमम् ।
तत्सुखं सात्त्विकं प्रोक्तमात्मबुद्धिप्रसादजम् ॥३७॥

sukhaṁ tv idānīṁ tri-vidhaṁ
śṛṇu me bharatarṣabha
abhyāsād ramate yatra
duḥkhāntaṁ ca nigacchati

yat tad agre viṣam iva
pariṇāme 'mṛtopamam
tat sukhaṁ sāttvikaṁ proktam
ātma-buddhi-prasāda-jam

sukham – Glück; tu – aber; idānīm – nun; tri-vidham – drei Arten; śṛṇu – höre; me – von Mir; bharatarṣabha – O Bester unter den Bhāratas; abhyāsāt – durch Übung; ramate – Genießender; yatra – wo; duḥkha – Leid; antam – Ende; ca – auch; nigacchati – gewinnt; yat – das was; tat – dieses; agre – am Anfang; viṣam iva – wie Gift; pariṇāme – am Ende; amṛta – Nektar; upamam – verglichen mit; tat – dieses; sukham – Glück; sāttvikam – in der Erscheinungsweise der Reinheit; proktam – es wird gesagt; ātma – Selbst; buddhi – Intelligenz; prasāda-jam – zufriedenstellend.

ÜBERSETZUNG

O Bester der Bhāratas, höre nun bitte von Mir über die drei Arten des Glücks, die die bedingte Seele genießt, und durch die Sie manchmal an das Ende allen Leids gelangt. Was am Anfang wie Gift, doch am Ende wie Nektar ist und einen Menschen zur Selbstverwirklichung erweckt, wird Glück in der Erscheinungsweise der Reinheit genannt.

ERKLÄRUNG

Eine bedingte Seele versucht immer wieder, materielles Glück zu genießen und kaut somit immer wieder das bereits Gekaute; doch manchmal wird sie, während sie in dieser Weise genießt, durch die Gemeinschaft mit einer großen Seele von der materiellen Verstrickung befreit. Mit anderen Worten, eine bedingte Seele ist ständig mit irgendeiner Art von Sinnesbefriedigung beschäftigt, doch wenn sie durch guten Umgang versteht, daß dieser Genuß lediglich die Wiederholung des gleichen Übels ist, und wenn sie zu ihrem wahren Kṛṣṇa-Bewußtsein erweckt wird, kann sie von diesem sich immer wiederholenden, sogenannten Glück befreit werden.

Wenn man Selbstverwirklichung erlangen will, muß man viele Regeln und Regulierungen beachten, um Geist und Sinne kontrollieren und den Geist auf das Selbst konzentrieren zu können. All diese Vorgänge sind sehr schwierig zu praktizieren und schmecken bitter wie Gift, doch wenn man diese Regulierungen mit Erfolg durchführt und auf die transzendentale Ebene gelangt, beginnt man wahren Nektar zu trinken und das Leben zu genießen.



VERS 38


विषयेन्द्रियसंयोगाद्यत्तदग्रेऽमृतोपमम् ।
परिणामे विषमिव तत्सुखं राजसं स्मृतम् ॥३८॥

viṣayendriya-saṁyogād
yat tad agre 'mṛtopamam
pariṇāme viṣam iva
tat sukhaṁ rājasaṁ smṛtam

viṣaya – Objekte der Sinne; indriya – Sinne; saṁyogāt – Verbindung; yat – das; tat – was; agre – am Anfang; amṛta-upamam – genau wie Nektar; pariṇāme – am Ende; viṣam iva – wie Gift; tat – dieses; sukham – Glück; rājasam – in der Erscheinungsweise der Leidenschaft; smṛtam – gilt als.

ÜBERSETZUNG

Das Glück, das aus der Verbindung der Sinne mit ihren Objekten erfahren wird und am Anfang wie Nektar mundet, doch am Ende wie Gift wirkt, nennt man Glück in der Erscheinungsweise der Leidenschaft.

ERKLÄRUNG

Ein junger Mann und eine junge Frau treffen sich, und die Sinne treiben den jungen Mann dazu, die Frau anzusehen, sie zu berühren und mit ihr Geschlechtsverkehr zu haben. Am Anfang mag dies für die Sinne sehr angenehm sein, doch am Ende, oder schon nach kurzer Zeit, wirkt solches Glück wie Gift. Die beiden leben getrennt voneinander oder lassen sich scheiden – es gibt Klagen, es gibt Kummer usw. Derartiges Glück befindet sich in der Erscheinungsweise der Leidenschaft. Glück, das aus dem Kontakt der Sinne mit den Sinnesobjekten erfahren wird, ist immer die Ursache von Leid und sollte daher unter allen Umständen vermieden werden.



VERS 39


यदग्रे चानुबन्धे च सुखं मोहनमात्मनः ।
निद्रालस्यप्रमादोत्थं तत्तामसमुदाहृतम् ॥३९॥

yad agre cānubandhe ca
sukhaṁ mohanam ātmanaḥ
nidrālasya-pramādotthaṁ
tat tāmasam udāhṛtam

yat – das was; agre – am Anfang; ca – auch; anubandhe – indem es bindet; ca – auch; sukham – Glück; mohanam – Illusion; ātmanaḥ – des Selbst; nidrā – schlafend; ālasya – Faulheit; pramāda – Illusion; uttham – erzeugt von; tat – dieses; tāmasam – in der Erscheinungsweise der Unwissenheit; udāhṛtam – man sagt, es sei.

ÜBERSETZUNG

Und das Glück, welches für Selbstverwirklichung blind macht, das von Anfang bis Ende Illusion ist und aus Schlaf, Faulheit und Illusion entsteht, befindet sich in der Erscheinungsweise der Unwissenheit.

ERKLÄRUNG

Wer an Faulheit und Schlaf Freude findet, wird zweifellos von der Erscheinungsweise der Dunkelheit beeinflußt, und wer keine Ahnung hat, wie er handeln muß und nicht handeln darf, befindet sich ebenfalls in der Erscheinungsweise der Unwissenheit. Der Mensch in der Erscheinungsweise der Unwissenheit lebt völlig in Illusion. Für ihn gibt es weder am Anfang noch am Ende Glück. Für den Menschen in der Erscheinungsweise der Leidenschaft mag es vielleicht zu Beginn ein kurzes Glück geben und am Ende Leid, doch für den Menschen in der Erscheinungsweise der Unwissenheit gibt es sowohl am Anfang als auch am Ende nur Leid.



VERS 40


न तदस्ति पृथिव्यां वा दिवि देवेषु वा पुनः ।
सत्त्वं प्रकृतिजैर्मुक्तं यदेभिः स्यात्त्रिभिर्गुणैः ॥४०॥

na tad asti pṛthivyāṁ vā
divi deveṣu vā punaḥ
sattvaṁ prakṛti-jair muktaṁ
yad ebhiḥ syāt tribhir guṇaiḥ

na – nicht; tat – das; asti – es gibt; pṛthivyām – im Universum; – oder; divi – im höheren Planetensystem; deveṣu – unter den Halbgöttern; – oder; punaḥ – wieder; sattvam – Existenz; prakṛti-jaiḥ – unter dem Einfluß der materiellen Natur; muktam – befreit; yat – dieses; ebhiḥ – durch dies; syāt – wird so; tribhiḥ – von drei; guṇaiḥ – Erscheinungsweisen der materiellen Natur.

ÜBERSETZUNG

Es existiert kein Wesen – weder hier noch unter den Halbgöttern auf den höheren Planetensystemen –, das vom Einfluß der drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur frei ist.

ERKLÄRUNG

Der Herr faßt hier den alles erfassenden, überall im Universum herrschenden Einfluß der drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur zusammen.



VERS 41


ब्राह्मणक्षत्रियविशां शूद्राणाञ्च परंतप ।
कर्माणि प्रविभक्तानि स्वभावप्रभवैर्गुणैः ॥४१॥

brāhmaṇa-kṣatriya-viśāṁ
śūdrāṇāṁ ca parantapa
karmāṇi pravibhaktāni
svabhāva-prabhavair guṇaiḥ

brāhmaṇa – die brāhmaṇas; kṣatriya – die kṣatriyas; viśām – die vaiśyas; śūdrāṇām – die śūdras; ca – und; parantapa – O Bezwinger der Feinde; karmāṇi – Aktivitäten; pravibhaktāni – sind eingestellt; svabhāva – eigene Natur; prabhavaiḥ – geboren von; guṇaiḥ – durch die Erscheinungsweisen der materiellen Natur.

ÜBERSETZUNG

Brāhmaṇas, kṣatriyas, vaiśyas und śūdras unterscheiden sich durch die Eigenschaften ihres Handelns, die in Beziehung zu den Erscheinungsweisen der materiellen Natur stehen, o Bezwinger der Feinde.



VERS 42


शमो दमस्तपः शौचं क्षान्तिरार्जवमेव च ।
ज्ञानं विज्ञानमास्तिक्यं ब्रह्मकर्म स्वभावजम् ॥४२॥

śamo damas tapaḥ śaucaṁ
kṣāntir ārjavam eva ca
jñānaṁ vijñānam āstikyaṁ
brahma-karma svabhāva-jam

śamaḥ – Friedfertigkeit; damaḥ – Selbstbeherrschtheit; tapaḥ – Enthaltsamkeit; śaucam – Reinheit; kṣāntiḥ – Duldsamkeit; ārjavam – Ehrlichkeit; eva – gewiß; ca – und; jñānam – Gelehrtheit; vijñānam – Weisheit; āstikyam – Religiosität; brahma – eines brāhmaṇa; karma – Pflicht; svabhāva-jam – aus seiner eigenen Natur geboren.

ÜBERSETZUNG

Friedfertigkeit, Selbstbeherrschtheit, Enthaltsamkeit, Reinheit, Duldsamkeit, Ehrlichkeit, Gelehrtheit, Weisheit und Religiosität sind die Eigenschaften, die die Handlungsweise der brāhmaṇas bestimmen.



VERS 43


शौर्यं तेजो धृतिर्दाक्ष्यं युद्धे चाप्यपलायनम् ।
दानमीश्वरभावश्च क्षात्रं कर्म स्वभावजम् ॥४३॥

śauryaṁ tejo dhṛtir dākṣyaṁ
yuddhe cāpy apalāyanam
dānam īśvara-bhāvaś ca
kṣātraṁ karma svabhāva-jam

śauryam – Heldenmut; tejaḥ – Kraft; dhṛtiḥ – Entschlossenheit; dākṣyam – Geschicklichkeit; yuddhe – in der Schlacht; ca – und; api – auch; apalāyanam – nicht fliehen; dānam – Großzügigkeit; īśvara – Führung; bhāvaḥ – Natur; ca – und; kṣātramkṣatriya; karma – Pflicht; svabhāva-jam – geboren aus seiner eigenen Natur.

ÜBERSETZUNG

Heldenmut, Stärke, Entschlossenheit, Geschicklichkeit, Furchtlosigkeit in der Schlacht, Großzügigkeit und die Fähigkeit zu regieren sind die Eigenschaften, die die Handlungsweise der kṣatriyas bestimmen.



VERS 44


कृषिगोरक्ष्यवाणिज्यं वैश्यकर्म स्वभावजम् ।
परिचर्यात्मकं कर्म शूद्रस्यापि स्वभावजम् ॥४४॥

kṛṣi-gorakṣya-vāṇijyaṁ
vaiśya-karma svabhāva-jam
paricaryātmakaṁ karma
śūdrasyāpi svabhāva-jam

kṛṣi – Pflügen; go – Kühe; rakṣya – Schutz; vāṇijyam – Handel; vaiśyavaiśya; karma – Pflicht; svabhāva-jam – aus seiner eigenen Natur geboren; paricaryā – Dienst; ātmakam – Natur; karma – Pflicht; śūdrasya – des śūdra; api – auch; svabhāva-jam – geboren von seiner eigenen Natur.

ÜBERSETZUNG

Ackerbau, Viehzucht und Handel bestimmen die Handlungsweise der vaiśyas, und die Aufgabe der śūdras besteht darin, körperliche Arbeit zu verrichten und anderen Dienste zu leisten.



VERS 45


स्वे स्वे कर्मण्यभिरतः संसिद्धिं लभते नरः ।
स्वकर्मनिरतः सिद्धिं यथा विन्दति तच्छृणु ॥४५॥

sve sve karmaṇy abhirataḥ
saṁsiddhiṁ labhate naraḥ
svakarma-nirataḥ siddhiṁ
yathā vindati tac chṛṇu

sve – eigene; sve – eigene; karmaṇi – in der Arbeit; abhirataḥ – befolgen; saṁsiddhim – Vollkommenheit; labhate – erreicht; naraḥ – ein Mensch; svakarma – durch seine eigene Pflicht; nirataḥ – beschäftigt; siddhim – Vollkommenheit; yathā – wie; vindati – erreicht; tat – dieses; śṛṇu – höre.

ÜBERSETZUNG

Jeder Mensch kann die Vollkommenheit erreichen, wenn er den Eigenschaften seiner vorgeschriebenen Handlungsweise folgt. Höre nun bitte von Mir, wie dies geschehen kann.



VERS 46


यतः प्रवृत्तिर्भूतानां येन सर्वमिदं ततम् ।
स्वकर्मणा तमभ्यर्च्य सिद्धिं विन्दति मानवः ॥४६॥

yataḥ pravṛttir bhūtānāṁ
yena sarvam idaṁ tatam
svakarmaṇā tam abhyarcya
siddhiṁ vindati mānavaḥ

yataḥ – von dem; pravṛttiḥ – Emanation; bhūtānām – von allen Lebewesen; yena – von dem; sarvam – alle; idam – diese; tatam – ist durchdringend; svakarmaṇā – in seinen eigenen Pflichten; tam – Ihn; abhyarcya – durch Verehren; siddhim – Vollkommenheit; vindati – erreicht; mānavaḥ – ein Mensch.

ÜBERSETZUNG

Durch die Verehrung des Herrn, der der Ursprung aller Lebewesen ist und alles durchdringt, kann ein Mensch in der Erfüllung seiner Pflicht die Vollkommenheit erreichen.

ERKLÄRUNG

Wie im Fünfzehnten Kapitel erklärt wird, sind alle Lebewesen fragmentarische, winzige Bestandteile des Höchsten Herrn. Daher ist der Höchste Herr der Ursprung aller Lebewesen. Dies wird im Vedānta-sūtra bestätigt, janmādy asya yataḥ. Der Höchste Herr ist daher der Beginn des Lebens eines jeden Lebewesens. Er ist durch Seine beiden Energien, die innere und äußere Energie, alldurchdringend. Deshalb sollte man Ihn mit Hilfe Seiner Energien verehren. Im allgemeinen verehren die Vaiṣṇava-Geweihten den Herrn mit Seiner inneren Energie. Seine äußere Energie ist eine pervertierte Reflexion der inneren Energie. Der Herr ist durch Seine vollständige Erweiterung als Paramātmā überall in der äußeren Energie gegenwärtig. Er ist die Überseele in allen Lebewesen – in Halbgöttern, Menschen und Tieren –, und Er befindet Sich in und zwischen jedem Atom. Er ist allgegenwärtig. Man sollte daher wissen, daß man als Bestandteil des Höchsten die Pflicht hat, Ihm zu dienen. Jeder sollte sich in völligem Kṛṣṇa-Bewußtsein im hingebungsvollen Dienst des Herrn beschäftigen. So lautet die Empfehlung dieses Verses.

Jeder sollte daran denken, daß er von Hṛṣīkeśa, dem Meister der Sinne, in einer bestimmten Tätigkeit beschäftigt worden ist, und daß er mit dem Ergebnis seiner Arbeit den Höchsten Persönlichen Gott, Śrī Kṛṣṇa, verehren sollte. Wenn man in völligem Kṛṣṇa-Bewußtsein ständig in dieser Weise denkt, wird man sich durch die Gnade des Herrn über alles bewußt. Das ist die höchste Vollkommenheit des Lebens. Der Herr sagt in der Bhagavad-gītā:

teṣām ahaṁ samuddhartā

„Ich Selbst befreie einen solchen Gottgeweihten."

Ganz gleich in welcher Tätigkeit man sich beschäftigt, wenn man dem Höchsten Herrn dient, wird man die höchste Vollkommenheit erreichen.



VERS 47


श्रेयान्स्वधर्मो विगुणः परधर्मात्स्वनुष्ठितात् ।
स्वभावनियतं कर्म कुर्वन्नाप्नोति किल्बिषम् ॥४७॥

śreyān sva-dharmo viguṇaḥ
para-dharmāt svanuṣṭhitāt
svabhāva-niyataṁ karma
kurvan nāpnoti kilbiṣam

śreyān – besser; sva-dharmaḥ – die eigene Tätigkeit; viguṇaḥ – unvollkommen ausgeführt; para-dharmāt – die Tätigkeit eines anderen; svanuṣṭhitāt – vollkommen ausgeführt; svabhāva-niyatam – vorgeschriebene Pflichten, die der eigenen Natur entsprechen; karma – Arbeit; kurvan – ausführen; na – niemals; āpnoti – erreichen; kilbiṣam – sündhafte Reaktionen.

ÜBERSETZUNG

Es ist besser, die eigene Tätigkeit zu verrichten – selbst wenn sie unvollkommen ausgeführt wird –, als die Aufgabe eines anderen zu übernehmen und sie vollendet auszuführen. Vorgeschriebene Pflichten, die mit der eigenen Natur übereinstimmen, werden niemals von sündhaften Reaktionen beeinflußt.

ERKLÄRUNG

In der Bhagavad-gītā wird erklärt, welchen Pflichten man nachkommen muß. Wie bereits in den vorangegangenen Versen erklärt wurde, richten sich die Pflichten, die einem brāhmaṇa, kṣatriya, vaiśya oder śūdra vorgeschrieben sind, nach den jeweiligen Erscheinungsweisen der materiellen Natur. Man sollte nicht die Pflicht eines anderen erfüllen. Ein Mann, der sich von Natur aus zu einer Arbeit hingezogen fühlt, die von śūdras verrichtet wird, sollte sich nicht künstlich für einen brāhmaṇa ausgeben – auch dann nicht, wenn er in einer brāhmaṇa-Familie geboren ist. Daher sollte man nach seiner eigenen Natur handeln, denn keine Arbeit ist verabscheuungswürdig, wenn sie im Dienst des Höchsten Herrn verrichtet wird.

Die Pflicht eines brāhmaṇa befindet sich zweifellos in der Erscheinungsweise der Reinheit, doch wenn sich ein Mensch nicht von Natur aus in der Erscheinungsweise der Reinheit befindet, sollte er nicht die Tätigkeit eines brāhmaṇa nachahmen.

Für einen kṣatriya (einen Verwalter) gibt es viele verabscheuungswürdige Dinge zu tun: ein kṣatriya muß gewalttätig sein, um seine Feinde zu töten, und manchmal ist er aus diplomatischen Gründen gezwungen zu lügen. Gewalt und Falschheit sind in der Politik an der Tagesordnung, aber dennoch erwartet man von einem kṣatriya nicht, daß er seine vorgeschriebenen Pflichten aufgibt und versucht, die Pflichten eines brāhmaṇa zu erfüllen.

Man sollte handeln, um den Höchsten Herrn zufriedenzustellen. Arjuna zum Beispiel war ein kṣatriya. Er zögerte, seine Feinde zu bekämpfen; aber wenn man für Kṛṣṇa, den Höchsten Persönlichen Gott, kämpft, braucht man nicht befürchten herabzufallen.

Im Geschäftsleben muß ein Händler zuweilen lügen, um einen Gewinn zu erzielen; tut er dies nicht, kann er keinen Profit machen. Und daher sagt der Händler manchmal: „Mein werter Kunde, an Ihnen verdiene ich nichts.“ Man sollte jedoch wissen, daß der Händler ohne Profit nicht existieren kann, und es daher als eine schlichte Lüge betrachten, wenn er behauptet, keinen Gewinn zu machen. Doch der Händler sollte seine Tätigkeit nicht aufgeben, nur weil er gezwungen ist, dabei zu lügen, und der Tätigkeit eines brāhmaṇa nachgehen. Dies wird nicht empfohlen. Wenn man mit seiner Arbeit dem Höchsten Persönlichen Gott dient, ist es gleichgültig, ob man ein brāhmaṇa, kṣatriya, vaiśya oder śūdra ist. Sogar die brāhmaṇas, die verschiedene Arten von Opfern darbringen, müssen manchmal Tiere töten, denn hin und wieder werden auch Tiere in solchen Zeremonien geopfert. Und auch ein kṣatriya, der seine Pflicht erfüllt, lädt keine Sünde auf sich, wenn er einen Feind tötet. Im Dritten Kapitel wurden diese Themen eindeutig und ausführlich erklärt: jeder Mensch sollte für yajña, für Viṣṇu, den Höchsten Persönlichen Gott arbeiten. Alles, was zur persönlichen Sinnesbefriedigung getan wird, ist die Ursache von Bindung an die materielle Welt. Die Schlußfolgerung lautet daher, daß sich jeder entsprechend der jeweiligen Erscheinungsweise der Natur, die er angenommen hat, beschäftigen und sich entscheiden sollte, nur noch dem Höchsten Herrn zu dienen.



VERS 48


सहजं कर्म कौन्तेय सदोषमपि न त्यजेत् ।
सर्वारम्भा हि दोषेण धूमेनाग्निरिवावृताः ॥४८॥

saha-jaṁ karma kaunteya
sa-doṣam api na tyajet
sarvārambhā hi doṣeṇa
dhūmenāgnir ivāvṛtāḥ

saha-jam – gleichzeitig geboren; karma – Arbeit; kaunteya – O Sohn Kuntīs; sa-doṣam – fehlerhaft; api – obwohl; na – niemals; tyajet – es sollte aufgegeben werden; sarva-ārambhāḥ – jedes Wagnis; hi – ist gewiß; doṣeṇa – fehlerhaft; dhūmena – mit Rauch; agniḥ – Feuer; iva – wie; āvṛtāḥ – bedeckt.

ÜBERSETZUNG

Wie Feuer von Rauch bedeckt ist, so ist jede Bemühung von einem Fehler überschattet. Deshalb, o Sohn Kuntīs, sollte man die Tätigkeit, die der eigenen Natur entspringt, nicht aufgeben, auch wenn solche Arbeit fehlerhaft ist.

ERKLÄRUNG

Im bedingten Leben ist jede Arbeit von den Erscheinungsweisen der materiellen Natur verunreinigt. Selbst wenn man ein brāhmaṇa ist, muß man zuweilen Opfer verrichten, bei denen es notwendig ist, Tiere zu töten. In ähnlicher Weise muß ein kṣatriya, ganz gleich wie fromm er auch sein mag, Feinde bekämpfen; er kann dies nicht vermeiden. Und auch ein Händler, ganz gleich wie fromm er auch sein mag, muß manchmal seinen Profit verheimlichen, um im Geschäft zu bleiben, und es kann sogar vorkommen, daß er gezwungen ist, auf dem Schwarzmarkt zu handeln. Diese Dinge sind notwendig; man kann sie nicht vermeiden. Und obwohl ein śūdra vielleicht im Dienst eines schlechten Herrn steht, muß er dennoch alle Befehle seines Meisters ausführen. Trotz all dieser Mängel jedoch sollte man weiterhin seine vorgeschriebenen Pflichten erfüllen, denn sie entspringen der eigenen Natur.

In diesem Vers wird ein sehr schönes Beispiel gegeben. Obwohl Feuer rein ist, wird es dennoch von Rauch bedeckt. Dies bedeutet aber nicht, daß der Rauch das Feuer verunreinigt. Obwohl es im Feuer Rauch gibt, gilt Feuer dennoch als das reinste aller Elemente. Wenn man zum Beispiel die Arbeit eines kṣatriya aufgeben möchte, um die Tätigkeit eines brāhmaṇa anzunehmen, kann man nicht sicher sein, daß nicht auch bei dieser Tätigkeit unangenehme Pflichten zu erfüllen sind. Man kann daher den Schluß ziehen, daß niemand in der materiellen Welt von der Verunreinigung der materiellen Natur völlig frei ist. Das Beispiel von Feuer und Rauch ist in diesem Zusammenhang sehr zutreffend. Wenn man im Winter einen Stein vom Feuer nimmt, beißt der Rauch manchmal in die Augen, man muß husten usw., aber dennoch muß man trotz dieser unangenehmen Begleiterscheinungen vom Feuer Gebrauch machen. In ähnlicher Weise sollte man seine natürliche Tätigkeit nicht aufgeben, nur weil man dabei einigen unliebsamen Pflichten nachkommen muß. Man sollte vielmehr entschlossen sein, dem Höchsten Herrn durch die Erfüllung seiner vorgeschriebenen Pflicht im Kṛṣṇa-Bewußtsein zu dienen. Das ist die Stufe der Vollkommenheit. Wenn eine Tätigkeit verrichtet wird, um den Höchsten Herrn zufriedenzustellen, werden alle Fehler dieser Tätigkeit gereinigt. Wenn die Ergebnisse der Arbeit gereinigt worden sind, weil sie mit dem hingebungsvollen Dienen verbunden sind, erreicht man die Vollkommenheit darin und kann das Selbst im Innern wahrnehmen. Das wird Selbstverwirklichung genannt.



VERS 49


असक्तबुद्धिः सर्वत्र जितात्मा विगतस्पृहः ।
नैष्कर्म्यसिद्धिं परमां संन्यासेनाधिगच्छति ॥४९॥

asakta-buddhiḥ sarvatra
jitātmā vigata-spṛhaḥ
naiṣkarmya-siddhiṁ paramāṁ
sannyāsenādhigacchati

asakta-buddhiḥ – unangehaftete Intelligenz; sarvatra – überall; jita-ātmā – Kontrolle des Geistes; vigata-spṛhaḥ – ohne materielle Verlangen; naiṣkarmya-siddhim – Vollkommenheit der Nicht-Reaktion; paramām – erhaben; sannyāsena – durch die Lebensstufe der Entsagung; adhigacchati – erreicht.

ÜBERSETZUNG

Man kann die Ergebnisse der Entsagung erhalten, indem man einfach den Geist kontrolliert, die Anhaftung an materielle Dinge aufgibt und materiellen Genüssen keine Beachtung schenkt. Das ist die am höchsten vervollkommnete Stufe der Entsagung.

ERKLÄRUNG

Wahre Entsagung bedeutet, sich immer als winzigen Bestandteil des Höchsten Herrn zu sehen. Deshalb hat man kein Recht, die Ergebnisse seiner Arbeit zu genießen. Weil man ein winziger Bestandteil des Höchsten Herrn ist, müssen die Ergebnisse der Arbeit vom Höchsten Herrn genossen werden. Das ist wahres Kṛṣṇa-Bewußtsein. Ein Mensch, der im Kṛṣṇa-Bewußtsein handelt, ist ein wirklicher sannyāsī (einer, der sich auf der Lebensstufe der Entsagung befindet). In solch einem Bewußtsein ist man zufrieden, denn man handelt für den Höchsten. Auf dieser Stufe haftet man nicht mehr an materiellen Dingen, sondern gewöhnt sich vielmehr daran, sich an nichts zu erfreuen, was außerhalb des transzendentalen Glücks liegt, das im Dienst für den Herrn erfahren wird. Von einem sannyāsī nimmt man an, daß er von den Reaktionen auf seine vergangenen Aktivitäten frei ist; doch ein Mensch, der sich im Kṛṣṇa-Bewußtsein befindet, erreicht von selbst – sogar ohne die sogenannte Stufe der Entsagung anzunehmen – diese Vollkommenheit. Dieser Zustand des Geistes wird yogārūḍha genannt (die vollkommene Stufe des yoga), und dies wird im Dritten Kapitel wie folgt bestätigt:

yas tv ātma-ratir eva syāt

„Wer in sich selbst zufrieden ist, fürchtet sich vor keiner Reaktion auf seine Aktivitäten.“



VERS 50


सिद्धिं प्राप्तो यथा ब्रह्म तथाप्नोति निबोध मे ।
समासेनैव कौन्तेय निष्ठा ज्ञानस्य या परा ॥५०॥

siddhiṁ prāpto yathā brahma
tathāpnoti nibodha me
samāsenaiva kaunteya
niṣṭhā jñānasya yā parā

siddhim – Vollkommenheit; prāptaḥ – erreichen; yathā – wie; brahma – der Höchste; tathā – so; āpnoti – erreicht; nibodha – versuche zu verstehen; me – von Mir; samāsena – in Kürze; eva – gewiß; kaunteya – O Sohn Kuntīs; niṣṭhā – Stufe; jñānasya – des Wissens; – welche; parā – transzendental.

ÜBERSETZUNG

O Sohn Kuntīs, lerne von Mir in Kürze, wie man die höchste Stufe der Vollkommenheit, das Brahman, erreichen kann, indem man so handelt, wie Ich es nun zusammenfassen werde.

ERKLÄRUNG

Der Herr erklärt Arjuna, wie man die am höchsten vervollkommnete Stufe erreichen kann, indem man einfach seine vorgeschriebene Pflicht erfüllt und diese Arbeit für den Höchsten Persönlichen Gott verrichtet. Man erreicht die höchste Stufe des Brahman, indem man einfach auf das Ergebnis seiner Arbeit zur Zufriedenstellung des Höchsten Herrn verzichtet. Das ist der Vorgang der Selbstverwirklichung. Die wahre Vollkommenheit des Wissens besteht darin, reines Kṛṣṇa-Bewußtsein zu erlangen; wie dies geschehen kann, wird in den folgenden Versen beschrieben.



VERS 51-53


बुद्ध्या विशुद्धया युक्तो धृत्यात्मानं नियम्य च ।
शब्दादीन्विषयांस्त्यक्त्वा रागद्वेषौ व्युदस्य च ॥५१॥



विविक्तसेवी लघ्वाशी यतवाक्कायमानसः ।
ध्यानयोगपरो नित्यं वैराग्यं समुपाश्रितः ॥५२॥



अहङ्कारं बलं दर्पं कामं क्रोधं परिग्रहम् ।
विमुच्य निर्ममः शान्तो ब्रह्मभूयाय कल्पते ॥५३॥

buddhyā viśuddhayā yukto
dhṛtyātmānaṁ niyamya ca
śabdādīn viṣayāṁs tyaktvā
rāga-dveṣau vyudasya ca

vivikta-sevī laghv-āśī
yata-vāk-kāya-mānasaḥb
dhyāna-yoga-paro nityaṁ
vairāgyaṁ samupāśritaḥ

ahaṅkāraṁ balaṁ darpaṁ
kāmaṁ krodhaṁ parigraham
vimucya nirmamaḥ śānto
brahma-bhūyāya kalpate

buddhyā – durch die Intelligenz; viśuddhayā – völlig gereinigt; yuktaḥ – solch eine Beschäftigung; dhṛtyā – Entschlossenheit; ātmānam – Selbst; niyamya – reguliert; ca – auch; śabdādīn – die Sinnesobjekte, wie Klang usw.; viṣayān – Sinnesobjekte; tyaktvā – aufgeben; rāga – Anhaftungen; dveṣau – Haß; vyudasya – beiseite gelegt haben; ca – auch; vivikta-sevī – an einem einsamen Ort leben; laghu-āśī – sehr wenig essen; yata-vāk – Kontrolle des Sprechens; kāya – Körper; mānasaḥ – Kontrolle des Geistes; dhyāna-yoga-paraḥ – immer in Trance versunken; nityam – vierundzwanzig Stunden am Tag; vairāgyam – Loslösung; samupāśritaḥ – Zuflucht suchen bei; ahaṅkāram – falsches Ich; balam – falsche Kraft; darpam – falscher Stolz; kāmam – Lust; krodham – Zorn; parigraham – Annahme von materiellen Dingen; vimucya – befreit worden sein; nirmamaḥ – ohne Eigentum; śāntaḥ – friedlich; brahma-bhūyāya – selbstverwirklicht; kalpate – man versteht.

ÜBERSETZUNG

Wer durch seine Intelligenz gereinigt ist und den Geist mit Entschlossenheit kontrolliert, die Objekte der Sinnesbefriedigung aufgibt und von Anhaftung und Haß frei ist, wer an einem einsamen Ort lebt, wenig ißt, Körper und Zunge beherrscht, sich in ständiger Trance befindet und losgelöst ist, wer frei von falschem Ich, falscher Stärke, Lust und Zorn ist und keine materiellen Dinge annimmt – solch ein Mensch hat zweifellos die Stufe der Selbstverwirklichung erreicht.

ERKLÄRUNG

Wenn jemand durch Wissen gereinigt ist, gründet er in der Erscheinungsweise der Reinheit. Auf diese Weise kann er den Geist kontrollieren und immer in Trance bleiben. Weil er nicht an den Objekten der Sinnesbefriedigung haftet, ißt er nicht mehr als notwendig und kontrolliert die Aktivitäten des Körpers und des Geistes. Er ist frei vom falschen Ich, denn er akzeptiert nicht den Körper als das Selbst. Auch hat er nicht das Verlangen, den Körper fett und stark zu machen. Weil er von der körperlichen Auffassung des Lebens frei ist, ist er auch nicht von falschem Stolz erfüllt. Er ist mit all dem zufrieden, was ihm durch die Gnade des Herrn gegeben wird, und er ist niemals zornig, wenn er seine Sinne nicht befriedigen kann. Auch strebt er nicht nach den Objekten der Sinne. Da er somit völlig frei vom falschen Ich ist, verliert er jegliche Anhaftung an materielle Dinge. Das ist die Stufe der Selbstverwirklichung, die Stufe des Brahman. Diese Stufe wird brahma-bhūta-Stufe genannt. Wenn man von der materiellen Auffassung des Lebens frei ist, wird man friedvoll und kann nicht mehr beunruhigt werden.



VERS 54


ब्रह्मभूतः प्रसन्नात्मा न शोचति न काङ्क्षति ।
समः सर्वेषु भूतेषु मद्भक्तिं लभते पराम् ॥५४॥

brahma-bhūtaḥ prasannātmā
na śocati na kāṅkṣati
samaḥ sarveṣu bhūteṣu
mad-bhaktiṁ labhate parām

brahma-bhūtaḥ – eins sein mit dem Absoluten; prasanna-ātmā – ganz voller Freude; na – niemals; śocati – klagt; na – niemals; kāṅkṣati – verlangt; samaḥ – gleichgesinnt; sarveṣu – alle; bhūteṣu – Lebewesen; mat-bhaktim – Mein hingebungsvoller Dienst; labhate – gewinnt; parām – transzendental.

ÜBERSETZUNG

Wer auf diese Weise in der Transzendenz verankert ist, verwirklicht augenblicklich das Höchste Brahman. Er klagt niemals, noch verlangt er danach, irgend etwas zu besitzen. Er ist jedem Lebewesen gleichgesinnt. In diesem Zustand erreicht er reines hingebungsvolles Dienen.

ERKLÄRUNG

Für den Unpersönlichkeitsanhänger ist die brahma-bhūta-Stufe, das heißt das Einswerden mit dem Absoluten, die höchste Vollkommenheit. Was aber den Anhänger des Persönlichen, den reinen Gottgeweihten, betrifft, so muß er diese Stufe hinter sich lassen, um im reinen hingebungsvollen Dienen für den Herrn beschäftigt zu werden. Dies bedeutet, daß jemand, der im hingebungsvollen Dienst des Höchsten Herrn beschäftigt ist, die Stufe der Befreiung bereits erreicht hat. Diese Stufe wird brahma-bhūta (Einssein mit dem Absoluten) genannt. Ohne mit dem Höchsten, dem Absoluten, eins zu sein, kann man Ihm nicht dienen. Im absoluten Sinne gibt es keinen Unterschied zwischen demjenigen, dem gedient wird, und demjenigen, der dient; im höheren, spirituellen Sinn jedoch besteht ein Unterschied.

Wenn man in der materiellen Auffassung des Lebens zur Sinnesbefriedigung handelt, entsteht Leid, doch in der absoluten Welt, wo man im reinen hingebungsvollen Dienen beschäftigt ist, gibt es kein Leid. Der Gottgeweihte im Kṛṣṇa-Bewußtsein klagt über nichts, noch begehrt er etwas. Weil Gott in Sich Selbst vollkommen ist, wird auch ein Lebewesen, das sich im Dienst Gottes, im Kṛṣṇa-Bewußtsein, beschäftigt, in sich selbst vollkommen. Es gleicht einem Fluß, der von allem Schmutz gereinigt ist. Weil ein reiner Gottgeweihter an nichts anderes als an Kṛṣṇa denkt, ist es natürlich, daß er immer voller Freude ist. Er klagt über keinen materiellen Verlust und frohlockt nicht, wenn er etwas gewinnt, denn er ist ganz und gar vom Dienst für den Herrn in Anspruch genommen. Er hat kein Verlangen nach materiellem Genuß, denn er weiß, daß jedes Lebewesen ein fragmentarischer, winziger Bestandteil des Höchsten Herrn und daher Sein ewiger Diener ist. Er sieht niemanden in der materiellen Welt als höherstehend oder niedriger an, denn hohe und niedrige Positionen existieren nur vorübergehend, und ein Gottgeweihter hat mit zeitweiligen Erscheinungen nichts zu tun. Für ihn sind Steine und Gold von gleichem Wert. Dies ist die brahma-bhūta-Stufe, und diese Stufe wird von einem reinen Gottgeweihten ohne Schwierigkeiten erreicht. Auf dieser Stufe wird die Vorstellung, mit dem Höchsten Brahman eins zu werden und die eigene Individualität zu vernichten, zur Hölle, und die Idee, das himmlische Königreich zu erreichen, zu einem Trugbild. Die Sinne gleichen auf dieser Stufe den gebrochenen Giftzähnen von Schlangen, und ebenso wie man Schlangen mit gebrochenen Zähnen nicht zu fürchten braucht, so braucht man sich auch vor den Sinnen nicht zu fürchten, wenn sie von selbst kontrolliert sind. Für den unter dem Einfluß der Materie stehenden Menschen ist die Welt leidvoll, doch für einen Gottgeweihten ist sie so gut wie Vaikuṇṭha, der spirituelle Himmel. Für einen Gottgeweihten ist die höchste Persönlichkeit im materiellen Universum nicht bedeutender als eine Ameise. Diese Stufe kann allein durch die Barmherzigkeit Śrī Kṛṣṇa Caitanyas erreicht werden, der in diesem Zeitalter erschien und hingebungsvolles Dienen predigte.



VERS 55


भक्त्या मामभिजानाति यावान्यश्चास्मि तत्त्वतः ।
ततो मां तत्त्वतो ज्ञात्वा विशते तदनन्तरम् ॥५५॥

bhaktyā mām abhijānāti
yāvān yaś cāsmi tattvataḥ
tato māṁ tattvato jñātvā
viśate tad-anantaram

bhaktyā – durch reines hingebungsvolles Dienen; mām – Mich; abhijānāti – man kann verstehen; yāvān – wie; yaḥ ca asmi – wie Ich bin; tattvataḥ – in Wahrheit; tataḥ – danach; mām – Mich; tattvataḥ – in Wahrheit; jñātvā – kennend; viśate – geht ein; tat – danach; anantaram – augenblicklich.

ÜBERSETZUNG

Allein durch hingebungsvolles Dienen kann man die Höchste Persönlichkeit wahrhaft verstehen. Und wenn man sich durch solche Hingabe über den Höchsten Herrn völlig bewußt ist, kann man in das Königreich Gottes eingehen.

ERKLÄRUNG

Der Höchste Persönliche Gott, Kṛṣṇa, und Seine vollständigen Teile können weder von Menschen, die mit gedanklichen Spekulationen beschäftigt sind, noch von Nicht-Gottgeweihten verstanden werden. Wenn jemand den Höchsten Persönlichen Gott verstehen will, muß er sich unter der Führung eines reinen Gottgeweihten dem reinen hingebungsvollen Dienen widmen. Andernfalls wird ihm die Wahrheit über den Höchsten Persönlichen Gott immer verborgen bleiben. Es wurde bereits erklärt (nāhaṁ prakāśaḥ), daß Er nicht jedem offenbar ist. Man kann Gott nicht durch seine akademische Gelehrtheit oder gedankliche Spekulation verstehen. Nur wer im Kṛṣṇa-Bewußtsein und im hingebungsvollen Dienen beschäftigt ist, kann verstehen, wer Kṛṣṇa ist. Ein Universitätsstudium ist in diesem Falle nicht sehr hilfreich.

Wer mit der Wissenschaft von Kṛṣṇa vertraut ist, wird befähigt, in das spirituelle Königreich, das Reich Kṛṣṇas, einzugehen. Brahman zu werden bedeutet nicht, seine Identität zu verlieren. Hingebungsvolles Dienen existiert, und solange es hingebungsvolles Dienen gibt, muß es auch Gott, den Gottgeweihten und den Vorgang des hingebungsvollen Dienens geben. Solches Wissen vergeht niemals – selbst nach der Befreiung nicht. Befreiung bedeutet, von der materiellen Auffassung des Lebens frei zu werden. In der spirituellen Welt gibt es immer noch die gleiche Unterscheidung zwischen Gott, den Gottgeweihten und dem Vorgang des hingebungsvollen Dienens, und es existiert auch weiterhin die gleiche Individualität – doch im reinen Kṛṣṇa-Bewußtsein. Man sollte nicht dem Mißverständnis unterliegen, das Wort viśate „in Mich eingehen“ unterstütze die monistische Theorie, nach der man mit dem unpersönlichen Brahman verschmilzt. Nein, viśate bedeutet, daß man in seiner Individualität in das Reich des Höchsten Herrn eingehen und sich in Seiner unmittelbaren Nähe beschäftigen kann. Ein grüner Vogel zum Beispiel fliegt nicht in einen grünen Baum, um mit diesem eins zu werden, sondern um die Früchte zu genießen. Die Unpersönlichkeitsanhänger geben oft das Beispiel eines Flusses, der in den Ozean fließt und sich mit diesem vermischt, und für die Unpersönlichkeitsanhänger mag dieses Einswerden die Ursache von Freude sein, doch der Anhänger des Persönlichen bewahrt seine persönliche Individualität wie ein Wassertier im Ozean. Wenn wir tief in den Ozean tauchen, werden wir dort viele Lebewesen finden. Es genügt nicht, lediglich die Oberfläche des Ozeans zu kennen, man muß auch vollständiges Wissen über die Wassertiere besitzen, die in den Tiefen des Ozeans leben.

Aufgrund seines reinen hingebungsvollen Dienens kann ein Gottgeweihter die transzendentalen Eigenschaften und Füllen des Höchsten Herrn wahrhaft verstehen. Wie im Elften Kapitel erklärt wird, kann man Kṛṣṇa nur durch hingebungsvolles Dienen verstehen. Das gleiche wird hier bestätigt: man kann den Höchsten Persönlichen Gott allein durch hingebungsvolles Dienen verstehen und somit in Sein Königreich eingehen.

Nachdem man die brahma-bhūta-Stufe erreicht hat, auf der man von materiellen Vorstellungen frei ist, beginnt man den Vorgang des hingebungsvollen Dienens, indem man über den Höchsten Herrn hört. Wenn man über den Höchsten Herrn hört, entwickelt sich die brahma-bhūta-Stufe von selbst, denn die materielle Verschmutzung, die aus Gier und Lust auf Sinnesgenuß besteht, wird fortgewaschen. In dem Maße, wie Lust und Verlangen aus dem Herzen eines Gottgeweihten entfernt werden, fühlt er sich zum Dienst des Herrn mehr hingezogen, und durch solche Anhaftung wird er von der materiellen Verschmutzung frei. Wie im Śrīmad-Bhāgavatam gesagt wird, kann er auf dieser Stufe des Lebens den Höchsten Herrn verstehen.

Auch nach der Befreiung wird der Vorgang der bhakti, des transzendentalen Dienens, fortgesetzt. Das Vedānta-sūtra bestätigt dies wie folgt:

āprāyaṇāt tatrāpi hi dṛṣṭam

„Nach der Befreiung wird der Vorgang des hingebungsvollen Dienens weitergeführt.“

Das Śrīmad-Bhāgavatam definiert die echte hingebungsvolle Befreiung als „die Rückkehr des Lebewesens zu seiner ursprünglichen Identität, seiner wesenseigenen Position". Diese wesenseigene Position ist bereits erklärt worden: jedes Lebewesen ist ein winziger, fragmentarischer Teil des Höchsten Herrn. Deshalb ist es seine wesenseigene Position zu dienen. Nach der Befreiung wird dieser Dienst niemals wieder eingestellt. Wahre Befreiung bedeutet, von den falschen Auffassungen des Lebens frei zu werden.



VERS 56


सर्वकर्माण्यपि सदा कुर्वाणो मद्व्यपाश्रयः ।
मत्प्रसादादवाप्नोति शाश्वतं पदमव्ययम् ॥५६॥

sarva-karmāṇy api sadā
kurvāṇo mad-vyapāśrayaḥ
mat-prasādād avāpnoti
śāśvataṁ padam avyayam

sarva – alle; karmāṇi – Aktivitäten; api – obwohl; sadā – immer; kurvāṇaḥ – durchführen; mat – unter Meinem; vyapāśrayah – Schutz; mat – Meine; prasādāt – Barmherzigkeit; avāpnoti – erreicht; sāśvatam – ewig; padam – Reich; avyayam – unvergänglich.

ÜBERSETZUNG

Obwohl Mein Geweihter mit allen Arten von Aktivitäten beschäftigt ist, erreicht er durch Meine Gnade und unter Meinem Schutz das ewige, unvergängliche Reich.

ERKLÄRUNG

Das Wort mad-vyapāśrayaḥ bedeutet „unter dem Schutz des Höchsten Herrn“. Um von der materiellen Verschmutzung frei zu werden, handelt ein reiner Gottgeweihter unter der Führung des Höchsten Herrn oder Seines Repräsentanten, des geistigen Meisters. Für einen reinen Gottgeweihten gibt es keine zeitliche Begrenzung. Er ist ständig, vierundzwanzig Stunden am Tag, hundertprozentig in Aktivitäten unter der Führung des Höchsten Herrn beschäftigt. Der Herr ist zu einem Gottgeweihten, der auf diese Weise im Kṛṣṇa-Bewußtsein beschäftigt ist, sehr gütig. Trotz aller Schwierigkeiten wird er schließlich in das transzendentale Reich, Kṛṣṇaloka, aufgenommen. Der Einlaß dort ist ihm garantiert; darüber besteht kein Zweifel. In diesem höchsten Reich gibt es keinen Wandel; alles dort ist ewig, unvergänglich und voller Wissen.



VERS 57


चेतसा सर्वकर्माणि मयि संन्यस्य मत्परः ।
बुद्धियोगमुपाश्रित्य मच्चित्तः सततं भव ॥५७॥

cetasā sarva-karmāṇi
mayi sannyasya mat-paraḥ
buddhi-yogam upāśritya
maccittaḥ satataṁ bhava

cetasā – durch Intelligenz; sarva-karmāni – alle Arten von Aktivitäten; mayi – zu Mir; sannyasya – aufgeben; mat-paraḥ – Mein Schutz; buddhi-yogam – hingebungsvolle Aktivitäten; upāśritya – Zuflucht suchen bei; mat-cittaḥ – Bewußtsein; satatam – vierundzwanzig Stunden am Tag; bhava – werde nur.

ÜBERSETZUNG

Sei in allen Aktivitäten von Mir abhängig, und handle immer unter Meinem Schutz. Sei dir bei solchem hingebungsvollem Dienen völlig über Mich bewußt.

ERKLÄRUNG

Wer im Kṛṣṇa-Bewußtsein handelt, hält sich nicht für den Herrn der Welt. Man sollte unter der Führung des Höchsten Herrn wie ein Diener handeln. Ein Diener besitzt keine individuelle Unabhängigkeit, sondern handelt nur auf Befehl seines Meisters. Ein Diener, der für den höchsten Meister handelt, wird weder von Gewinn noch von Verlust berührt. Vertrauensvoll erfüllt er seine Pflichten unter dem Befehl des Meisters. Man mag nun einwenden, daß Arjuna unter der persönlichen Führung Kṛṣṇas habe handeln können, wohingegen wir in Kṛṣṇas Abwesenheit handeln müßten. Die Antwort darauf lautet: wenn man nach den Anweisungen Kṛṣṇas, wie sie in diesem Buch gegeben werden, und unter der Führung des Repräsentanten Kṛṣṇas handelt, wird man das gleiche Ergebnis erhalten.

Das Sanskritwort mat-paraḥ ist in diesem Vers sehr bedeutsam. Es weist daraufhin, daß es kein anderes Lebensziel gibt, als im Kṛṣṇa-Bewußtsein für die Zufriedenstellung Kṛṣṇas zu handeln. Während man in dieser Weise tätig ist, sollte man ständig an Kṛṣṇa denken und zu sich zum Beispiel sagen: „Mir ist von Kṛṣṇa aufgetragen worden, diese bestimmte Pflicht zu erfüllen." Wenn man in dieser Weise handelt, ist es ganz natürlich, daß man ständig an Kṛṣṇa denkt. Das ist vollkommenes Kṛṣṇa-Bewußtsein. Man sollte jedoch bedenken, daß man dem Höchsten Herrn nicht das Ergebnis einer launenhaft verrichteten Arbeit darbringen sollte. Diese Art von Arbeit ist kein hingebungsvolles Dienen im Kṛṣṇa- Bewußtsein. Man sollte nach der Anweisung Kṛṣṇas handeln. Dies ist ein sehr wichtiger Punkt. Die Anweisung Kṛṣṇas wird durch die Nachfolge der geistigen Meister vom echten Repräsentanten Kṛṣṇas übermittelt. Daher sollte man es als die wichtigste Pflicht im Leben betrachten, diesen Unterweisungen zu folgen. Wenn man einen echten geistigen Meister trifft und nach seinen Anweisungen handelt, ist es sicher, daß man die Vollkommenheit des Lebens im Kṛṣṇa-Bewußtsein erreicht.



VERS 58


मच्चित्तः सर्वदुर्गाणि मत्प्रसादात्तरिष्यसि ।
अथ चेत्त्वमहङ्कारान्न श्रोष्यसि विनङ्क्ष्यसि ॥५८॥

mac-cittaḥ sarva-durgāṇi
mat-prasādāt tariṣyasi
atha cet tvam ahaṅkārān
na śroṣyasi vinaṅkṣyasi

mat – Mein; cittaḥ – Bewußtsein; sarva – alle; durgāṇi – Hindernisse; mat – Meine; prasādāt – Meine Barmherzigkeit; tariṣyasi – du wirst überwinden; atha – deshalb; cet – wenn; tvam – du; ahaṅkārāt – durch falsches Ich; na – nicht; śroṣyasi – hörst nicht; vinaṅkṣyasi – dann verlierst du dich selbst.

ÜBERSETZUNG

Wenn du dir über Mich bewußt wirst, wirst du durch Meine Gnade alle Hindernisse des bedingten Lebens überwinden. Wenn du jedoch nicht in diesem Bewußtsein, sondern aus falschem Ich heraus handelst, und nicht auf Mich hörst, wirst du verloren sein.

ERKLÄRUNG

Ein völlig Kṛṣṇa-bewußter Mensch ist nicht ängstlich darum bemüht, die Pflichten seines Daseins zu erfüllen. Die Dummköpfe können diese Freiheit von aller Angst nicht begreifen. Für einen Menschen, der im Kṛṣṇa-Bewußtsein handelt, wird Kṛṣṇa zum vertrautesten Freund. Kṛṣṇa ist immer um das Wohl Seines Freundes besorgt und gibt sich sogar Seinem Freund hin, der mit so viel Hingabe damit beschäftigt ist, vierundzwanzig Stunden am Tag zu arbeiten, um Ihn zu erfreuen. Niemand sollte sich daher vom falschen Ich der körperlichen Auffassung des Lebens überwältigen lassen. Man sollte nicht fälschlich denken, man sei von den Gesetzen der materiellen Natur unabhängig oder könne frei handeln; denn man ist den strengen Gesetzen der Materie bereits unterworfen. Doch sobald man im Kṛṣṇa-Bewußtsein handelt, ist man erlöst und von den materiellen Verwirrungen frei. Man sollte sich darüber bewußt sein, daß sich jeder, der nicht im Kṛṣṇa-Bewußtsein aktiv ist, im materiellen Strudel, im Ozean von Geburt und Tod, verliert. Keine bedingte Seele weiß, was eigentlich getan werden muß und was nicht getan werden darf; doch ein Mensch, der im Kṛṣṇa-Bewußtsein handelt, besitzt wahre Handlungsfreiheit, denn Kṛṣṇa gibt ihm von Innen her Anweisungen, die vom geistigen Meister bestätigt werden.



VERS 59


यदहङ्कारमाश्रित्य न योत्स्य इति मन्यसे ।
मिथ्यैव व्यवसायस्ते प्रकृतिस्त्वां नियोक्ष्यति ॥५९॥

yad ahaṅkāram āśritya
na yotsya iti manyase
mithyaiṣa vyavasāyas te
prakṛtis tvāṁ niyokṣyati

yat – deshalb; ahaṅkāram – falsches Ich; āśritya – Zuflucht suchen; na – nicht; yotsya – wirst kämpfen; iti – somit; manyase – denke; mithyā eṣaḥ – dies alles ist falsch; vyavasāyah te – deine Entschlossenheit; prakṛtiḥ – materielle Natur; tvām – dich; niyokṣyati – wirst dich beschäftigen.

ÜBERSETZUNG

Wenn du Meiner Anweisung nicht nachkommst und nicht kämpfst, wirst du in die Irre gehen. Deine Natur wird dich zwingen, am Kriegshandwerk teilzunehmen.

ERKLÄRUNG

Arjuna war als Krieger mit dem Wesen eines kṣatriya geboren. Daher war es seine natürliche Pflicht zu kämpfen. Doch aufgrund des falschen Ichs befürchtete er, sündhafte Reaktionen auf sich zu laden, wenn er seinen Lehrer, seinen Großvater und seine Freunde tötete. Er hielt sich selbst für den Herrn seiner Handlungen, denn er glaubte, er sei es, der die guten und schlechten Ergebnisse seines Handelns bestimme. Er vergaß, daß der Höchste Persönliche Gott vor ihm stand und ihm die Anweisung gab zu kämpfen. Dies ist ein Beispiel dafür, wie leicht die bedingte Seele vergißt. Der Höchste Persönliche Gott lehrt uns, was gut und was schlecht ist, und man braucht nur im Kṛṣṇa-Bewußtsein zu handeln, um die Vollkommenheit des Lebens zu erreichen. Allein der Höchste Herr kann das Schicksal vorherbestimmen; daher ist es das beste, sich von Ihm unterweisen zu lassen und dementsprechend zu handeln. Niemand sollte die Anordnung des Höchsten Persönlichen Gottes oder die Unterweisungen des geistigen Meisters, des Repräsentanten Gottes, vernachlässigen. Man sollte, ohne zu zögern, der Anweisung des Höchsten Persönlichen Gottes nachkommen – das wird einen Menschen unter allen Umständen schützen.



VERS 60


स्वभावजेन कौन्तेय निबद्धः स्वेन कर्मणा ।
कर्त्तुं नेच्छसि यन्मोहात्करिष्यस्यवशोऽपि तत् ॥६०॥

svabhāva-jena kaunteya
nibaddhaḥ svena karmaṇā
kartuṁ necchasi yan mohāt
kariṣyasy avaśo 'pi tat

sva-bhāva-jena – durch die eigene Natur; kaunteya – O Sohn Kuntīs; nibaddhaḥ – bedingt; svena – durch die eigenen; karmaṇā – Aktivitäten; kartum – tun; na – nicht; icchasi – wie; yat – dieses; mohāt – durch Illusion; kariṣyasi – du wirst handeln; avaśaḥ – nicht wahrnehmbar; api – sogar; tat – das.

ÜBERSETZUNG

Nur weil du in Illusion bist, weigerst du dich nun, Meine Anweisung zu befolgen. Doch gezwungen durch deine eigene Natur wirst du ohnehin nicht anders handeln können, o Sohn Kuntīs.

ERKLÄRUNG

Wenn man sich weigert, nach der Weisung des Höchsten Herrn zu handeln, ist man gezwungen, unter dem Einfluß der Erscheinungsweisen der materiellen Natur zu handeln, in denen man sich befindet. Jeder befindet sich im Bann einer bestimmten Kombination der Erscheinungsweisen und handelt dementsprechend. Doch jeder, der sich freiwillig der Führung des Höchsten Herrn anvertraut, wird ruhmreich.



VERS 61


ईश्वरः सर्वभूतानां हृद्देशेऽर्जुन तिष्ठति ।
भ्रामयन्सर्वभूतानि यन्त्रारूढानि मायया ॥६१॥

īśvaraḥ sarva-bhūtānāṁ
hṛd-deśe 'rjuna tiṣṭhati
bhrāmayan sarva-bhūtāni
yantrārūḍhāni māyayā

īśvaraḥ – der Höchste Herr; sarva-bhūtānām – aller Lebewesen; hṛd-deśe – im Herzen; arjuna – O Arjuna; tiṣṭhati – weilt; bhrāmayan – verursacht zu reisen; sarva-bhūtāni – alle Lebewesen; yantra – Maschine; ārūḍhāni – derart gesetzt worden sein; māyayā – im Bann der materiellen Energie.

ÜBERSETZUNG

O Arjuna, der Höchste Herr weilt im Herzen eines jeden und lenkt die Wege aller Lebewesen, die im Körper wie auf einer Maschine aus materieller Energie sitzen.

ERKLÄRUNG

Arjuna war nicht allwissend wie Kṛṣṇa, und seine Entscheidung, zu kämpfen oder nicht zu kämpfen, war daher von seiner begrenzten Sicht beschränkt. Śrī Kṛṣṇa wies darauf hin, daß das Lebewesen nicht das Ein und Alles ist. Der Höchste Persönliche Gott, Er Selbst, Kṛṣṇa, die lokalisierte Überseele, weilt im Herzen eines jeden und lenkt das Lebewesen. Wenn das Lebewesen von einem Körper zum anderen wandert, vergißt es seine vergangenen Taten, doch die Überseele bleibt als der Kenner von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Zeuge all seiner Aktivitäten. Deshalb werden alle Aktivitäten des Lebewesens von der Überseele gelenkt. Das Lebewesen erhält, was es verdient, und wird von einem materiellen Körper getragen, der unter der Anweisung der Überseele in der materiellen Energie geschaffen wurde. Sowie ein Lebewesen in einem bestimmten Körper gesetzt wird, ist es gezwungen, den jeweiligen körperlichen Bedingungen entsprechend zu handeln. Wer in einem sehr schnellen Auto sitzt, fährt schneller als jemand, der in einem langsameren Auto sitzt, obwohl die Lebewesen (die Fahrer) die gleichen sind. Die materielle Natur fertigt nach der Anweisung der Höchsten Seele einem bestimmten Lebewesen einen bestimmten Körper an, so daß es entsprechend seinen vergangenen Verlangen handeln kann. Das Lebewesen ist nicht unabhängig. Man sollte nicht denken, man sei vom Höchsten Persönlichen Gott unabhängig. Das individuelle Lebewesen steht immer unter Seiner Kontrolle. Deshalb hat man die Pflicht, sich Ihm hinzugeben, und so lautet auch die Unterweisung des nächsten Verses.



VERS 62


तमेव शरणं गच्छ सर्वभावेन भारत ।
तत्प्रसादात्परां शान्तिं स्थानं प्राप्स्यसि शाश्वतम् ॥६२॥

tam eva śaraṇaṁ gaccha
sarva-bhāvena bhārata
tat prasādāt parāṁ śāntiṁ
sthānaṁ prāpsyasi śāśvatam

tam – Ihm; eva – gewiß; śaraṇam – gib dich hin; gaccha – gehe; sarva-bhāvena – in jeder Hinsicht; bhārata – O Nachkomme Bharatas; tat-prasādāt – durch Seine Gnade; parām – transzendental; śāntim – Friede; sthānam – Reich; prāpsyasi – du wirst bekommen; śāśvatam – ewig.

ÜBERSETZUNG

O Nachkomme Bharatas, gib dich Ihm völlig hin. Durch Seine Gnade wirst du transzendentalen Frieden erlangen und in das höchste, ewige Reich eingehen.

ERKLÄRUNG

Das Lebewesen sollte sich dem Höchsten Persönlichen Gott hingeben, der im Herzen eines jeden weilt, denn auf diese Weise wird es von allen Leiden des materiellen Daseins frei werden. Wenn man sich Kṛṣṇa hingibt, wird man nicht nur im gegenwärtigen Leben von allen Leiden befreit werden, sondern auch am Ende des Lebens den Höchsten Gott erreichen. Die transzendentale Welt wird in den vedischen Schriften als tad viṣṇoḥ paramaṁ padam beschrieben. Da die gesamte Schöpfung das Königreich Gottes ist, ist selbst alles Materielle in Wirklichkeit spirituell, doch paramaṁ padam bezieht sich insbesondere auf das ewige Reich, das „der spirituelle Himmel“ oder „Vaikuṇṭha“ genannt wird.

Im Fünfzehnten Kapitel der Bhagavad-gītā heißt es:

sarvasya cāham hṛdi sanniviṣṭaḥ

„Der Herr weilt im Herzen jedes Lebewesens.“

Die Empfehlung, sich der Überseele hinzugeben, die im Innern weilt, bedeutet also, sich dem Höchsten Persönlichen Gott, Kṛṣṇa, hinzugeben. Kṛṣṇa ist von Arjuna bereits als der Höchste akzeptiert worden, denn Er wurde von ihm im Zehnten Kapitel als paraṁ brahma paraṁ dhāma anerkannt. Arjuna akzeptierte Kṛṣṇa nicht nur aufgrund seiner persönlichen Erfahrung als den Höchsten Persönlichen Gott und das höchste Reich aller Lebewesen, sondern auch, weil große Autoritäten wie Nārada, Asita, Devala und Vyāsa dies bestätigt haben.



VERS 63


इति ते ज्ञानमाख्यातं गुह्याद्गुह्यतरं मया ।
विमृश्यैतदशेषेण यथेच्छसि तथा कुरु ॥६३॥

iti te jñānam ākhyātaṁ
guhyād guhyataraṁ mayā
vimṛśyaitad aśeṣeṇa
yathecchasi tathā kuru

iti – somit; te – Dir; jñānam – Wissen; ākhyātam – beschrieben; guhyāt – vertraulich; guhyataram – noch vertraulicher; mayā – von Mir; vimṛśya – durch Überlegung; etat – dieses; aśeṣeṇa – völlig; yathā – wie du; icchasi – du möchtest; tathā – dieses; kuru – tue.

ÜBERSETZUNG

Ich habe dir somit den vertraulichsten Teil allen Wissens erklärt. Denke in Ruhe darüber nach, und tue dann, was du für richtig hältst.

ERKLÄRUNG

Der Herr hat Arjuna die brahma-bhūta-Stufe bereits erklärt. Wer sich auf der brahma-bhūta-Stufe befindet, ist voller Freude; er beklagt sich niemals, noch verlangt er nach irgend etwas. Das ist die Folge des vertraulichen Wissens, das er besitzt. Kṛṣṇa offenbarte auch das Wissen von der Überseele. Auch das ist Brahman-Wissen – jedoch auf einer höheren Ebene.

Hier sagt Kṛṣṇa zu Arjuna, daß dieser nach eigener Wahl handeln könne. Gott mischt Sich niemals in die winzige Unabhängigkeit des Lebewesens ein. In der Bhagavad-gītā hat der Herr in allen Einzelheiten erklärt, wie man sein Leben auf eine höhere Stufe erheben kann. Der beste Rat, der Arjuna gegeben wurde, lautete, sich der Überseele im Herzen hinzugeben. Man sollte die richtige Entscheidung treffen und nach den Unterweisungen der Überseele handeln. Dies wird einem helfen, fortwährend im Kṛṣṇa-Bewußtsein, der am höchsten vervollkommneten Stufe des menschlichen Lebens, verankert zu sein. Arjuna erhält vom Höchsten Persönlichen Gott direkt den Befehl, am Kampf teilzunehmen. Sich dem Höchsten Persönlichen Gott hinzugeben, ist das eigentliche Interesse des Lebewesens; es ist nicht das Interesse des Höchsten. Bevor man sich hingibt, hat man die Freiheit, sich diese Entscheidung, soweit die Intelligenz reicht, reiflich zu überlegen; das ist der beste Weg, die Anweisungen des Höchsten Persönlichen Gottes zu akzeptieren. Solche Anweisungen kommen auch vom geistigen Meister, dem echten Repräsentanten Kṛṣṇas.



VERS 64


सर्वगुह्यतमं भूयः शृणु मे परमं वचः ।
इष्टोऽसि मे दृढमिति ततो वक्ष्यामि ते हितम् ॥६४॥

sarva-guhyatamaṁ bhūyaḥ
śṛṇu me paramaṁ vacaḥ
iṣṭo 'si me dṛḍham iti
tato vakṣyāmi te hitam

sarva-guhyatamam – das vertraulichste; bhūyaḥ – wieder; śṛṇu – höre nur; me – von Mir; paramam – die höchste; vacaḥ – Unterweisung; iṣṭaḥ asi – du bist Mir sehr lieb; me – von Mir; dṛḍham – sehr; iti – somit; tataḥ – deshalb; vakṣyāmi – sprechen; te – zu deinem; hitam – Wohl.

ÜBERSETZUNG

Weil Du Mir sehr lieb bist, offenbare Ich dir den vertraulichsten Teil des Wissens. Höre also von Mir, denn es ist zu deinem Nutzen.

ERKLÄRUNG

Der Herr hat Arjuna das vertraulichste Wissen von der Überseele gegeben, die im Herzen jedes Lebewesens weilt, und nun offenbart Er den vertraulichsten Teil dieses Wissens, der besagt, daß man sich einfach dem Höchsten Persönlichen Gott hingeben soll. Am Ende des Neunten Kapitels hat Er gesagt: „Denke einfach immer an Mich.“ Die gleiche Anweisung wird hier wiederholt, um die Essenz der Lehren der Bhagavad-gītā zu betonen. Diese Essenz kann nicht von einem gewöhnlichen Menschen verstanden werden, sondern nur von jemanden, der Kṛṣṇa sehr lieb ist, das heißt von einem reinen Gottgeweihten. Dies ist die wichtigste Unterweisung aller vedischen Schriften. Das, was Kṛṣṇa in diesem Zusammenhang sagt, ist der wesentlichste Teil des Wissens, und diese Unterweisungen sollten nicht nur von Arjuna, sondern von allen Lebewesen beachtet werden.



VERS 65


मन्मना भव मद्भक्तो मद्याजी मां नमस्कुरु ।
मामेवैष्यसि सत्यं ते प्रतिजाने प्रियोऽसि मे ॥६५॥

manmanā bhava mad-bhakto
mad-yājī māṁ namaskuru
mām evaiṣyasi satyaṁ te
pratijāne priyo 'si me

man-manāḥ – an Mich denken; bhava – werde ganz einfach; mat-bhaktaḥ – Mein Geweihter; mat-yājī – Mein Verehrer; mām – Mir; namaskuru – bringe deine Ehrerbietungen dar; mām – zu Mir; eva – gewiß; eṣyasi – komme; satyam – wahrhaftig; te – zu Dir; pratijāne – Ich verspreche; prijaḥ – lieb; asi – du bist; me – Mein.

ÜBERSETZUNG

Denke ständig an Mich und werde Mein Geweihter. Verehre mich und bringe Mir deine Ehrerbietungen dar. Auf diese Weise wirst du ohne Fehl zu Mir kommen. Ich verspreche Dir dies, weil Du Mein lieber Freund bist.

ERKLÄRUNG

Der vertraulichste Teil des Wissens besteht in dem Rat, ein reiner Geweihter Kṛṣṇas zu werden und immer an Ihn zu denken und für Ihn zu handeln. Man sollte nicht ein fadenscheiniger „Show-yogī“ werden, der lediglich nach außen hin vorgibt zu meditieren. Man sollte sein Leben so gestalten, daß man immer die Möglichkeit hat, sich an Kṛṣṇa zu erinnern, und man sollte immer in solcher Weise handeln, daß alle täglichen Aktivitäten mit Kṛṣṇa verbunden sind. Man sollte sein Leben so einrichten, daß man während der vierundzwanzig Stunden des Tages nichts anderes tun kann, als an Kṛṣṇa zu denken. Und der Herr verspricht, daß jeder, der in solch reinem Kṛṣṇa-Bewußtsein verankert ist, ohne Zweifel in Sein Königreich zurückkehren wird, wo er Ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen und Sich in seiner unmittelbaren Nähe beschäftigen kann. Dieser vertraulichste Teil des Wissens wird Arjuna nur mitgeteilt, weil er ein lieber Freund Kṛṣṇas ist. Jeder, der dem Beispiel Arjunas folgt, kann ein Freund Kṛṣṇas werden und die gleiche Vollkommenheit wie Arjuna erreichen.

Diese Worte betonen, daß man seinen Geist auf Kṛṣṇa konzentrieren sollte – auf die Gestalt mit den zwei Händen, die eine Flöte halten; den bläulichen Jungen mit dem wunderschönen Antlitz, dessen Haar mit Pfauenfedern geschmückt ist. In der Brahma-saṁhitā und anderen Schriften kann man nähere Beschreibungen von Kṛṣṇa finden. Man sollte seinen Geist auf diese ursprüngliche Gestalt Gottes – Kṛṣṇa – konzentrieren und auf nichts anderes, nicht einmal auf die anderen Formen des Herrn. Der Herr hat viele Formen, wie zum Beispiel Viṣṇu, Nārāyaṇa, Rāma und Varāha, doch ein Gottgeweihter sollte seinen Geist allein auf die Gestalt Kṛṣṇas richten, die vor Arjuna gegenwärtig war. Die Konzentration des Geistes auf Kṛṣṇa bildet den geheimsten Teil des Wissens, und dies wird Arjuna offenbart, weil er Kṛṣṇas liebster Freund ist.



VERS 66


सर्वधर्मान्परित्यज्य मामेकं शरणं व्रज ।
अहं त्वां सर्वपापेभ्यो मोक्षयिष्यामि मा शुचः ॥६६॥

sarva-dharmān parityajya
mām ekaṁ śaraṇaṁ vraja
ahaṁ tvāṁ sarva-pāpebhyo
mokṣayiṣyāmi mā śucaḥ

sarva-dharmān – alle Arten der Religion; parityajya – aufgeben; mām – Mir; ekam – einzig; śaraṇam – gib dich hin; vraja – gehe; aham – Ich; tvām – dich; sarva – alle; pāpebhyaḥ – von sündhaften Reaktionen; mokṣayiṣyāmi – befreien; – nicht; śucaḥ – sorge dich.

ÜBERSETZUNG

Gib alle Arten von Religion auf und gib dich einfach Mir hin. Ich werde dich von allen sündhaften Reaktionen befreien. Fürchte dich nicht.

ERKLÄRUNG

Der Herr hat verschiedene Arten von Wissen beschrieben, verschiedene Vorgänge der Religion, das Wissen vom Höchsten Brahman, das Wissen von der Überseele, das Wissen von den verschiedenen Einteilungen und Stufen des sozialen Lebens, das Wissen von der Lebensstufe der Entsagung, das Wissen von der Loslösung, Sinnes- und Geisteskontrolle, Meditation usw. – Er hat auf viele Weise verschiedene Arten von Religion beschrieben. Nun sagt der Herr, als Zusammenfassung der Bhagavad-gītā, daß Arjuna alle Vorgänge, die ihm bisher erklärt worden seien, aufgeben und sich einfach Ihm hingeben solle. Diese Hingabe wird Arjuna vor allen sündhaften Reaktionen bewahren, denn der Herr persönlich verspricht, ihn zu beschützen.

Im Achtzehnten Kapitel wurde gesagt, daß nur ein Mensch, der frei von allen sündhaften Reaktionen geworden ist, sich der Verehrung Kṛṣṇa weihen kann. Man mag deshalb denken, man könne sich nicht hingeben, solange man nicht von allen sündhaften Reaktionen befreit sei; doch als Antwort auf solche Zweifel wird hier gesagt, daß man ganz von selbst von allen sündhaften Reaktionen befreit wird, wenn man sich einfach Śrī Kṛṣṇa hingibt. Es ist nicht notwendig, große Anstrengungen zu unternehmen, um sich aus eigener Kraft von sündhaften Reaktionen zu befreien. Man sollte Kṛṣṇa, ohne zu zögern, als den höchsten Retter aller Lebewesen akzeptieren und sich Ihm mit Vertrauen und Liebe hingeben.

Nach den Lehren des hingebungsvollen Dienens sollte man nur solche religiösen Prinzipien akzeptieren, die letzten Endes zum hingebungsvollen Dienen führen. Man mag zwar eine vorgeschriebene Pflicht erfüllen, die der Position entspricht, die man in der sozialen Ordnung einnimmt, doch wenn man, während man seinen Pflichten nachkommt, nicht die Stufe des Kṛṣṇa-Bewußtseins erreicht, sind alle Aktivitäten vergeblich gewesen. Alles, was nicht zur vollkommenen Stufe des Kṛṣṇa-Bewußtseins hinführt, sollte vermieden werden. Man sollte darauf vertrauen, daß man in allen Schwierigkeiten von Kṛṣṇa beschützt wird. Es ist nicht notwendig, sich um die Erhaltung von Körper und Seele zu sorgen. Kṛṣṇa wird Sich schon darum kümmern. Man sollte immer daran denken, daß man selbst hilflos ist, und daher darauf vertrauen, daß Kṛṣṇa die einzige Grundlage für den Fortschritt im Leben ist. Sobald man sich ernsthaft im völligen Kṛṣṇa-Bewußtsein im hingebungsvollen Dienen für den Herrn beschäftigt, wird man augenblicklich von aller Verunreinigung des materiellen Daseins befreit. Es gibt verschiedene Vorgänge der Religion und der Reinigung, wie zum Beispiel die Entwicklung von Wissen und Meditation im mystischen yoga-System, doch wer sich Kṛṣṇa hingibt, braucht diese vielen Methoden nicht anzuwenden. Wer sich einfach Kṛṣṇa hingibt, wird davor bewahrt, seine Zeit unnötigerweise zu verschwenden. Auf diese Weise kann man allen Fortschritt mit einem Mal machen und von allen sündhaften Reaktionen befreit werden.

Man sollte sich zu Kṛṣṇa, der so wunderschön ist, hingezogen fühlen. Kṛṣṇa bedeutet der Alles-Anziehende, und wer sich zu Kṛṣṇa, der so wunderschön und allmächtig ist, hingezogen fühlt, befindet sich in einer glücklichen Lage. Es gibt verschiedene Arten von Transzendentalisten – einige von ihnen werden vom unpersönlichen Brahman angezogen, andere vom Überseelen-Aspekt usw., doch wer sich zum persönlichen Aspekt des Höchsten Persönlichen Gottes, und vor allem, wer sich zum Höchsten Persönlichen Gott als Kṛṣṇa hingezogen fühlt, ist der vollkommenste Transzendentalist. Mit anderen Worten, hingebungsvolles Dienen für Kṛṣṇa in völligem Kṛṣṇa-Bewußtsein bildet den vertraulichsten Teil des Wissens; dies ist die Essenz der gesamten Bhagavad-gītā. Karma-yogīs, empirische Philosophen, Mystiker und Gottgeweihte werden alle Transzendentalisten genannt, doch der reine Gottgeweihte ist von allen der beste. In diesem Zusammenhang sind die Worte mā śucaḥ (fürchte dich nicht, zögere nicht, sorge dich nicht) sehr bedeutsam. Man mag bezweifeln, daß es möglich ist, alle verschiedenen Religionsformen aufzugeben und sich einfach Kṛṣṇa hinzugeben, doch solche Sorgen sind unnötig.



VERS 67


इदन्ते नातपस्काय नाभक्ताय कदाचन ।
न चाशुश्रूषवे वाच्यं न च मां योऽभ्यसूयति ॥६७॥

idaṁ te nātapaskāya
nābhaktāya kadācana
na cāśuśrūṣave vācyaṁ
na ca māṁ yo 'bhyasūyati

idam – dieses; te – du; na – niemals; atapaskāya – wer sich keine Bußen auferlegt; na – niemals; abhaktāya – wer kein Gottgeweihter ist; kadācana – zu jeder Zeit; na – niemals; ca – auch; aśuśrūṣave – wer nicht im hingebungsvollen Dienen beschäftigt ist; vācyam – soll gesprochen werden; na – niemals; ca – auch; mām – auf Mich; yaḥ – jeder; abhyasūyati – neidisch.

ÜBERSETZUNG

Dieses vertrauliche Wissen darf nicht Menschen erklärt werden, die sich keine Bußen auferlegen, die Mir nicht hingegeben sind, sich nicht im hingebungsvollen Dienen beschäftigen oder die Mich beneiden.

ERKLÄRUNG

Den Menschen, die nicht die Bußen der religiösen Vorgänge auf sich genommen haben, die niemals versucht haben, hingebungsvolles Dienen im Kṛṣṇa-Bewußtsein zu praktizieren oder dem Beispiel eines reinen Gottgeweihten zu folgen, und insbesondere denen, die Kṛṣṇa für eine historische Persönlichkeit halten oder auf die Größe Kṛṣṇas neidisch sind – solchen Menschen sollte niemals dieser vertraulichste Teil des Wissens mitgeteilt werden. Sogar dämonische Menschen, die Kṛṣṇa beneiden und auf ihre Weise verehren, schreiben manchmal ihren eigenen Kommentar zur Bhagavad-gītā, um auf diese Weise ein Geschäft zu machen; doch jeder, der Kṛṣṇa wirklich verstehen möchte, sollte sich vor solchen Kommentaren hüten. Sinnliche Menschen können das Ziel der Bhagavad-gītā nicht verstehen, doch auch wenn man nicht dem Sinnesgenuß frönt, sondern strikt den Anweisungen folgt, die in den vedischen Schriften gegeben werden, kann man Kṛṣṇa nicht verstehen, solange man kein Gottgeweihter ist. Auch wenn man sich für einen Geweihten Kṛṣṇas ausgibt, doch nicht in Kṛṣṇa-bewußten Aktivitäten beschäftigt ist, kann man Kṛṣṇa nicht verstehen. Es gibt viele Menschen, die Kṛṣṇa beneiden, weil Er in der Bhagavad-gītā erklärt, daß Er der Höchste sei und niemand über Ihm stehe oder Ihm gleichkomme. Solche Menschen sollten nicht in den Lehren der Bhagavad-gītā unterwiesen werden, denn sie können nichts davon verstehen. Es ist für Menschen ohne Glauben unmöglich, die Bhagavad-gītā und Kṛṣṇa zu verstehen. Solange man nicht von einer Autorität, einem reinen Gottgeweihten, über Kṛṣṇa hört, sollte man nicht versuchen, die Bhagavad-gītā zu kommentieren.



VERS 68


य इमं परमं गुह्यं मद्भक्तेष्वभिधास्यति ।
भक्तिं मयि परां कृत्वा मामेवैष्यत्यसंशयः ॥६८॥

ya idaṁ paramaṁ guhyaṁ
mad-bhakteṣv abhidhāsyati
bhaktiṁ mayi parāṁ kṛtvā
mām evaiṣyaty asaṁśayaḥ

yaḥ – jeder; idam – dieses; paramam – sehr; guhyam – vertraulich; mat – Mein; bhakteṣu – unter den Gottgeweihten; abhidhāsyati – erklärt; bhaktim – hingebungsvolles Dienen; mayi – für Mich; parām – transzendental; kṛtvā – getan haben; mām – zu Mir; eva – gewiß; eṣyati – kommt; asaṁśayaḥ – ohne Zweifel.

ÜBERSETZUNG

Wer dieses größte Geheimnis den Gottgeweihten erklärt, wird mit Sicherheit die Stufe des hingebungsvollen Dienens erreichen und am Ende zu Mir zurückkehren.

ERKLÄRUNG

Im allgemeinen wird dazu geraten, nur unter Gottgeweihten über die Bhagavad-gītā zu sprechen, denn diejenigen, die keine Gottgeweihten sind, werden weder Kṛṣṇa noch die Bhagavad-gītā verstehen können. Diejenigen, die Kṛṣṇa, wie Er ist, und die Bhagavad-gītā, wie sie ist, nicht akzeptieren, sollten nicht versuchen, die Bhagavad-gītā nach ihrem Gutdünken zu erklären, und somit ein Vergehen auf sich laden. Die Bhagavad-gītā sollte nur Menschen erklärt werden, die bereit sind, Kṛṣṇa als den Höchsten Persönlichen Gott anzuerkennen. Die Bhagavad-gītā ist allein für Gottgeweihte bestimmt, und nicht für philosophische Spekulanten. Doch jeder, der ernsthaft versucht, die Bhagavad-gītā so zu verstehen, wie sie ist, wird im hingebungsvollen Dienen Fortschritte machen und die Stufe der reinen Hingabe erreichen. Als Ergebnis solcher reinen Hingabe wird er mit Sicherheit nach Hause zurückkehren, zurück zu Gott.



VERS 69


न च तस्मान्मनुष्येषु कश्चिन्मे प्रियकृत्तमः ।
भविता न च मे तस्मादन्यः प्रियतरो भुवि ॥६९॥

na ca tasmān manuṣyeṣu
kaścin me priya-kṛttamaḥ
bhavitā na ca me tasmād
anyaḥ priyataro bhuvi

na – niemals; ca – und; tasmāt – deshalb; manuṣyeṣu – unter der Menschheit; kaścit – jeder; me – Mein; priya-kṛttamaḥ – noch lieber; bhavitā – wird werden; na – kein; ca – und; me – Mir; tasmāt – als ihn; anyaḥ – anderer; priyataraḥ – lieber; bhuvi – in dieser Welt.

ÜBERSETZUNG

Kein Diener in dieser Welt ist Mir lieber als er, noch wird Mir jemals einer lieber sein.



VERS 70


अध्येष्यते च य इमं धर्म्यं संवादमावयोः ।
ज्ञानयज्ञेन तेनाहमिष्टः स्यामिति मे मतिः ॥७०॥

adhyeṣyate ca ya imaṁ
dharmyaṁ saṁvādam āvayoḥ
jñāna-yajñena tenāham
iṣṭaḥ syām iti me matiḥ

adhyeṣyate – wird studieren; ca – auch; yaḥ – er; imam – dieses; dharmyaṁ – geheiligte; saṁvādam – Gespräch; āvayoḥ – zwischen uns; jñāna – Wissen; yajñena – durch Opfer; tena – durch ihn; aham – Ich; iṣṭaḥ – verehrt; syām – werde sein; iti – somit; me – Meine; matiḥ – Meinung.

ÜBERSETZUNG

Wer dieses heilige Gespräch studiert, verehrt Mich mit seiner Intelligenz.



VERS 71


श्रद्धावाननसूयश्च शृणुयादपि यो नरः ।
सोऽपि मुक्तः शुभाँल्लोकान्प्राप्नुयात्पुण्यकर्मणाम् ॥७१॥

śraddhāvān anasūyaś ca
śṛṇuyād api yo naraḥ
so 'pi muktaḥ śubhāḷ lokān
prāpnuyāt puṇya-karmaṇām

sraddhāvan – vertrauensvoll; anasūyaḥ ca – und ohne Neid; śṛṇuyāt – hört; api – gewiß; yaḥ – wer; naraḥ – Mensch; saḥ api – auch er; muktaḥ – bereit sein; śubhān – glückverheißend; lokān – Planeten; prāpnuyāt – erreicht; puṇya-karmaṇām – der Vergangenheit.

ÜBERSETZUNG

Und wer mit Vertrauen und ohne Neid zuhört, wird von allen sündhaften Reaktionen frei und erreicht die Planeten, auf denen die Frommen leben.

ERKLÄRUNG

Im siebenundsechzigsten Vers dieses Kapitels verbot der Herr ausdrücklich, die Gītā Menschen zu verkünden, die Ihn beneiden. Mit anderen Worten, die Bhagavad-gītā ist nur für Gottgeweihte bestimmt. Aber manchmal kommt es vor, daß ein Geweihter des Herrn öffentliche Vorlesungen hält, bei denen nicht erwartet werden kann, daß alle Zuhörer Gottgeweihte sind. Warum halten solche Menschen öffentliche Vorlesungen?

Wie in diesem Vers erklärt wird, gibt es, obwohl nicht jeder ein Gottgeweihter ist, dennoch viele Menschen, die Kṛṣṇa nicht beneiden. Sie glauben an Ihn als den Höchsten Persönlichen Gott. Wenn solche Menschen von einem echten Gottgeweihten über den Herrn hören, werden sie sofort von allen sündhaften Reaktionen befreit und erreichen die Planeten, auf denen die rechtschaffenden Wesen leben. Lediglich durch das Hören der Bhagavad-gītā erhält daher sogar ein Mensch, der nicht versucht, ein reiner Gottgeweihter zu werden, das Ergebnis rechtschaffender Aktivitäten. Somit gibt ein reiner Geweihter des Herrn jedem die Möglichkeit, von allen sündhaften Reaktionen befreit und ein Gottgeweihter zu werden. Im allgemeinen werden diejenigen als rechtschaffen angesehen, die frei von allen sündhaften Reaktionen sind. Solchen Menschen fällt es sehr leicht, das Kṛṣṇa-Bewußtsein anzunehmen. In diesem Zusammenhang ist das Wort puṇya-karmaṇām sehr bedeutsam. Es bezieht sich auf die Darbringung großer Opfer. Diejenigen, die in der Ausübung des hingebungsvollen Dienens zwar rechtschaffen, aber nicht rein sind, können das Planetensystem des Polarsterns, Dhruvaloka, erreichen, das von Dhruva Mahārāja, einem großen Gottgeweihten, regiert wird.



VERS 72


कच्चिदेतच्छ्रुतं पार्थ त्वयैकाग्रेण चेतसा ।
कच्चिदज्ञानसम्मोहः प्रनष्टस्ते धनञ्जय ॥७२॥

kaccid etac chrutaṁ pārtha
tvayaikāgreṇa cetasā
kaccid ajñāna-saṁmohaḥ
praṇaṣṭas te dhanañjaya

kaccit – ob; etat – dies; śrutam – gehört; pārtha – O Sohn Pṛthās; tvayā – von dir; ekāgreṇa – mit ganzer Aufmerksamkeit; cetasā – mit dem Geist; kaccit – ob; ajñāna – Unwissenheit; saṁmohaḥ – Illusion; praṇaṣṭaḥ – vertrieben; te – von dir; dhanañjaya – O Gewinner von Reichtum.

ÜBERSETZUNG

O Arjuna, Gewinner von Reichtum, hast du all dies mit wachem Geist vernommen? Sind Illusion und Unwissenheit nun von dir gewichen?

ERKLÄRUNG

Der Herr sprach als der geistige Meister Arjunas. Deshalb war es Seine Pflicht, Arjuna zu fragen, ob er die Bhagavad-gītā in rechter Weise verstanden habe. Wenn nicht, wäre der Herr bereit, jeden beliebigen Punkt, oder sogar, wenn notwendig, die gesamte Bhagavad-gītā, noch einmal zu erklären. Jeder, der die Bhagavad-gītā von einem echten geistigen Meister wie Kṛṣṇa, oder Seinem Repräsentanten, hört, wird feststellen, daß seine Unwissenheit von ihm weicht. Die Bhagavad-gītā ist kein gewöhnliches Buch, das von einem Dichter oder Schriftsteller verfaßt worden ist; sie wurde vom Höchsten Persönlichen Gott Selbst gesprochen. Jeder Mensch, der das Glück hat, diese Lehre von Kṛṣṇa oder Seinem echten spirituellen Repräsentanten zu hören, wird mit Sicherheit befreit werden und der Dunkelheit der Unwissenheit entkommen.



VERS 73


अर्जुन उवाच ।
नष्टो मोहः स्मृतिर्लब्धा त्वत्प्रसादान्मयाच्युत ।
स्थितोऽस्मि गतसन्देहः करिष्ये वचनं तव ॥७३॥

arjuna uvāca
naṣṭo mohaḥ smṛtir labdhā
tvat prasādān mayācyuta
sthito 'smi gata-sandehaḥ
kariṣye vacanaṁ tava

arjunaḥ uvāca – Arjuna sagte; naṣṭaḥ – zerstreut; mohaḥ – Illusion; smṛtiḥ – Gedächtnis; labdhā – wiedergewonnen; tvat-prasādāt – durch Deine Barmherzigkeit; mayā – von mir; acyuta – O unfehlbarer Kṛṣṇa; sthitaḥ – befindlich; asmi – ich bin; gata – entfernt; sandehaḥ – alle Zweifel; kariṣye – Ich werde ausführen; vacanam – Befehl; tava – Deinen.

ÜBERSETZUNG

Arjuna sagte: Mein lieber Kṛṣṇa, o Unfehlbarer, meine Illusion ist nun zerstreut. Durch Deine Barmherzigkeit habe ich meine Erinnerung zurückgewonnen und bin nun gefestigt und frei von allen Zweifeln. Ich bin jetzt bereit, nach Deinen Anweisungen zu handeln.

ERKLÄRUNG

Es ist die wesenseigene Position des Lebewesens, das hier von Arjuna repräsentiert wird, nach der Unterweisung des Höchsten Herrn zu handeln; es ist seine Pflicht, sich Selbstdisziplin aufzuerlegen. Śrī Caitanya Mahāprabhu sagt, daß die wirkliche Position des Lebewesens darin bestehe, der ewige Diener des Herrn zu sein. Weil es dieses Prinzip vergißt, wird das Lebewesen von der materiellen Natur bedingt; doch wenn es dem Höchsten Herrn wieder dient, wird es der befreite Diener Gottes. Es ist die wesenseigene Position des Lebewesens, Diener zu sein: entweder muß es der illusionierenden Energie oder dem Höchsten Herrn dienen. Wenn es dem Höchsten Herrn dient, befindet es sich in seinem normalen Zustand, doch wenn es vorzieht, der illusionierenden äußeren Energie zu dienen, wird es von dieser gefesselt. Wenn sich das Lebewesen in Illusion befindet, dient es in der materiellen Welt seinen Sinnen. Obwohl es von Lust und Begierden beherrscht wird, hält es sich dennoch für den Herrn der Welt. Das wird Illusion genannt. Wenn ein Mensch befreit ist, ist seine Illusion beseitigt, und er gibt sich freiwillig dem Höchsten hin, um dessen Wünsche zu erfüllen. Die letzte Illusion, die letzte Schlinge, die māyā auslegt, um das Lebewesen zu fangen, ist die Vorstellung, selbst Gott zu sein. Das Lebewesen glaubt dann, es sei nicht länger eine bedingte Seele, sondern Gott. Doch wenn es Gott wäre, wie könnte es dann Zweifel haben? Das Lebewesen ist jedoch so verblendet, daß es diese Tatsache nicht bedenkt. Dies ist also die letzte Falle der Illusion. Von der illusionierenden Energie tatsächlich frei zu werden bedeutet, den Höchsten Persönlichen Gott, Kṛṣṇa, zu verstehen und damit einverstanden zu sein, nach Seiner Anweisung zu handeln. Das Wort mohaḥ ist in diesem Vers von Bedeutung. Mohaḥ (Illusion) bedeutet das Gegenteil von Wissen. Wahres Wissen bedeutet zu verstehen, daß jedes Lebewesen ewiglich der Diener des Herrn ist. Doch anstatt sich in dieser Position zu sehen, sieht sich das Lebewesen nicht als Diener, sondern als Herrn über die materielle Natur, denn es möchte die materielle Natur beherrschen. Das ist Illusion. Diese Illusion kann durch die Barmherzigkeit Gottes oder die Barmherzigkeit eines reinen Gottgeweihten überwunden werden. Wenn diese Illusion beseitigt ist, erklärt man sich bereit, im Kṛṣṇa-Bewußtsein zu handeln.

Kṛṣṇa-Bewußtsein bedeutet, nach der Anweisung Kṛṣṇas zu handeln. Eine bedingte Seele, die von der äußeren Energie, der Materie, in Illusion versetzt worden ist, weiß nicht, daß der Höchste Herr der Meister ist, der alles Wissen in Sich birgt und dem alles gehört. Was immer Er wünscht, kann Er Seinen Geweihten geben. Er ist der Freund eines jeden, doch Er ist ganz besonders Seinen Geweihten zugeneigt. Er kontrolliert die materielle Natur und alle Lebewesen. Auch die unerschöpfliche Zeit steht unter Seiner Kontrolle, und Er birgt alle Füllen und Energien in Sich. Der Höchste Persönliche Gott kann Sich sogar Seinem Geweihten hingeben. Wer Ihn nicht kennt, befindet sich in Illusion; solch ein Mensch wird kein Diener Gottes, sondern ein Diener māyās. Arjuna jedoch wurde, nachdem er die Bhagavad-gītā vom Höchsten Persönlichen Gott vernommen hatte, von aller Illusion befreit. Er konnte verstehen, daß Kṛṣṇa nicht nur sein Freund, sondern auch der Höchste Persönliche Gott war. Er verstand Kṛṣṇa tatsächlich. Die Bhagavad-gītā zu studieren bedeutet also, Kṛṣṇa wahrhaft zu verstehen. Wenn ein Mensch vollkommenes Wissen besitzt, gibt er sich Kṛṣṇa von selbst hin. Als Arjuna erkannte, daß es Kṛṣṇas Plan war, das unnötige Anwachsen der Bevölkerung zu reduzieren, erklärte er sich bereit, nach Kṛṣṇas Wunsch zu kämpfen. Er nahm seinen Bogen und seine Pfeile wieder auf, um unter dem Befehl des Höchsten Persönlichen Gottes in die Schlacht zu ziehen.



VERS 74


सञ्जय उवाच ।
इत्यहं वासुदेवस्य पार्थस्य च महात्मनः ।
संवादमिममश्रौषमद्भुतं रोमहर्षणम् ॥७४॥

sañjaya uvāca
ity ahaṁ vāsudevasya
pārthasya ca mahātmanaḥ
saṁvādam imam aśrauṣam
adbhutaṁ roma-harṣaṇam

sañjayaḥ uvāca – Sañjaya sagte; iti – somit; aham – Ich; vāsudevasya – von Kṛṣṇa; pārthasya – von Arjuna; ca – auch; mahātmanaḥ – zwei große Seelen; saṁvādam – erörtern; imam – dieses; aśrauṣam – gehört; adbhutam – Verwunderung; romaharṣaṇam – die Haare sträuben sich.

ÜBERSETZUNG

Sañjaya sagte: Somit hörte ich das Gespräch der beiden großen Seelen, Kṛṣṇa und Arjuna. Und diese Botschaft ist so wundervoll, daß sich mir die Haare sträuben.

ERKLÄRUNG

Zu Beginn der Bhagavad-gītā fragte Dhṛtarāṣṭra seinen Sekretär Sañjaya nach den Ereignissen auf dem Schlachtfeld von Kurukṣetra. Da das gesamte Geschehen dem Herzen Sañjayas durch die Barmherzigkeit Vyāsas, seines geistigen Meisters, offenbart wurde, konnte er die Ereignisse auf dem Schlachtfeld schildern. Das Gespräch zwischen Kṛṣṇa und Arjuna war deshalb so einzigartig, weil diese wichtige Unterhaltung zwischen zwei solch großen Seelen niemals zuvor stattgefunden hatte und auch niemals wieder stattfinden würde. Es ist so einzigartig, weil hier der Höchste Persönliche Gott dem Lebewesen Arjuna, einem großen Geweihten des Herrn, von Sich Selbst und Seinen Energien berichtet. Wenn wir dem Beispiel Arjunas folgen und versuchen, Kṛṣṇa zu verstehen, wird unser Leben glücklich und erfolgreich sein. Als Sañjaya diese Tatsache zu verstehen begann, teilte er den Dialog Dhṛtarāṣṭra mit. Man kann nun den Schluß ziehen, daß dort, wo Kṛṣṇa und Arjuna gegenwärtig sind, immer der Sieg zu finden ist.



VERS 75


व्यासप्रसादाच्छ्रुतवानिमं गुह्यमहं परम् ।
योगं योगेश्वरात्कृष्णात्साक्षात्कथयतः स्वयम् ॥७५॥

vyāsa-prasādāc chrutavān
etad guhyam ahaṁ param
yogaṁ yogeśvarāt kṛṣṇāt
sākṣāt kathayataḥ svayam

vyāsa-prasādāt – durch die Barmherzigkeit Vyāsadevas; śrutavān – gehört; etat – dies; guhyam – vertraulich; aham – Ich; param – der Höchste; yogam – Mystik; yogeśvarāt – vom Meister aller Mystik; kṛṣṇāt – von Kṛṣṇa; sākṣāt – direkt; kathayataḥ – sprechen; svayam – persönlich.

ÜBERSETZUNG

Durch die Barmherzigkeit Vyāsas konnte ich dieses höchst vertrauliche Gespräch direkt vom Meister aller Mystik, Kṛṣṇa, vernehmen, der persönlich zu Arjuna sprach.

ERKLÄRUNG

Vyāsa war der geistige Meister Sañjayas, und Sañjaya erklärt, daß er allein durch die Barmherzigkeit Vyāsas den Höchsten Persönlichen Gott habe verstehen können. Das bedeutet, daß man Kṛṣṇa nicht direkt, sondern nur durch das Medium des geistigen Meisters verstehen kann. Der geistige Meister ist das transparente Medium, obwohl man die eigene Erfahrung zweifellos direkt macht. Wenn der geistige Meister autorisiert ist, kann man, wie Arjuna, die Bhagavad-gītā direkt von Kṛṣṇa hören. Es gibt überall auf der Welt viele Mystiker und yogīs, doch Kṛṣṇa ist der Meister aller yoga-Systeme. Seine eindeutige Anweisung finden wir im sechsundsechzigsten Vers dieses Kapitels: „Gib dich einfach Mir hin.“ Wer dies tut, ist der höchste yogī. Dies wird im letzten Vers des Sechsten Kapitels bestätigt: yoginām api sarveṣām.

Nārada ist der direkte Schüler Kṛṣṇas und der geistige Meister Vyāsas. Deshalb ist Vyāsa so autorisiert wie Arjuna, denn er befindet sich in der Nachfolge der geistigen Meister. Sañjaya ist der direkte Schüler Vyāsas; seine Sinne wurden durch die Gnade Vyāsas gereinigt, und so konnte er Kṛṣṇa direkt hören und sehen. Nur wer direkt von Kṛṣṇa hört, kann dieses vertrauliche Wissen verstehen. Wer sich jedoch nicht an die Nachfolge der geistigen Meister wendet, kann Kṛṣṇa nicht verstehen; deshalb bleibt das Wissen eines solchen Menschen immer unvollkommen, zumindest soweit es das Verständnis der Bhagavad-gītā betrifft.

In der Bhagavad-gītā werden alle yoga-Systeme erklärt: karma-yoga, jñāna-yoga und bhakti-yoga. Kṛṣṇa ist der Meister all dieser Mystik. Man sollte jedoch verstehen, daß Sañjaya, durch die Gnade Vyāsas, ähnlich wie Arjuna, Kṛṣṇa direkt hören konnte. Im Grunde genommen macht es keinen Unterschied, ob man direkt von Kṛṣṇa oder von einem echten geistigen Meister wie Vyāsa über Kṛṣṇa hört. Der geistige Meister ist der Repräsentant Vyāsadavas. Nach vedischem Brauch feiern die Schüler den Erscheinungstag des geistigen Meisters mit einer Zeremonie, die Vyāsa-pūjā genannt wird.



VERS 76


राजन्संस्मृत्य संस्मृत्य संवादमिममद्भुतम् ।
केशवार्जुनयोः पुण्यं हृष्यामि च मुहुर्मुहुः ॥७६॥

rājan saṁsmṛtya saṁsmṛtya
saṁvādam imam adbhutam
keśavārjunayoḥ puṇyaṁ
hṛṣyāmi ca muhur muhuḥ

rājan – O König; saṁsmṛtya – mich erinnernd; saṁsmṛtya – mich erinnernd; saṁvādam – Botschaft; imam – diese; adbhutam – wunderbar; keśava – Śrī Kṛṣṇa; arjunayoḥ – und Arjuna; puṇyam – fromm; hṛṣyāmi – sich erfreuen; ca – auch; muhuḥ muhuḥ – immer wieder.

ÜBERSETZUNG

O König, wenn ich mir dieses wunderbare und heilige Gespräch zwischen Kṛṣṇa und Arjuna ins Gedächtnis rufe, erbebe ich jeden Augenblick vor Freude.

ERKLÄRUNG

Die Bhagavad-gītā zu verstehen ist solch ein transzendentales Erlebnis, daß jeder, der mit den Inhalten vertraut gemacht wird, die zwischen Arjuna und Kṛṣṇa besprochen wurden, rechtschaffen wird und dieses Gespräch nicht mehr vergessen kann. Das ist das transzendentale Wesen des spirituellen Lebens. Mit anderen Worten, jeder, der die Bhagavad-gītā von der richtigen Quelle hört, nämlich direkt von Kṛṣṇa, wird völlig Kṛṣṇa-bewußt. Die Folge von Kṛṣṇa-Bewußtsein ist, daß man immer mehr erleuchtet wird und so das Leben in jedem Augenblick, und nicht nur für kurze Zeit, mit Freude genießt.



VERS 77


तच्च संस्मृत्य संस्मृत्य रूपमत्यद्भुतं हरेः ।
विस्मयो मे महान्राजन्हृष्यामि च पुनःपुनः ॥७७॥

tac ca saṁsmṛtya saṁsmṛtya
rūpam atyadbhutaṁ hareḥ
vismayo me mahān rājan
hṛṣyāmi ca punaḥ punaḥ

tat – dieses; ca – auch; saṁsmṛtya – sich erinnernd; saṁsmṛtya – sich erinnernd ; rūpam – universale Form; ati – groß; adbhutam – wundervoll; hareḥ – von Śrī Kṛṣṇa; vismayaḥ – Verwunderung; me – mein; mahān – groß; rajan – O König; hṛṣyāmi – genießend; ca – auch; punaḥ punaḥ – wiederholt.

ÜBERSETZUNG

O König, wenn ich mich an die wunderbare Form Śrī Kṛṣṇas erinnere, überkommt mich noch größere Verwunderung, und ich erfahre immer wieder neue Freude.

ERKLÄRUNG

Offensichtlich konnte auch Sañjaya, durch die Gnade Vyāsas, die universale Form Kṛṣṇas sehen, die Arjuna offenbart wurde. Es wird ebenfalls gesagt, daß Kṛṣṇa niemals zuvor diese Form gezeigt hatte. Sie wurde allein Arjuna gezeigt; doch außer ihm konnten noch einige andere große Gottgeweihte die universale Form sehen, und Vyāsa war einer von ihnen. Er ist einer der großen Geweihten des Herrn und darüber hinaus eine mächtige Inkarnation Kṛṣṇas. Vyāsa wiederum offenbarte diese wunderbare Form seinem Schüler Sañjaya, der sich ständig an sie erinnerte und sich immer wieder von neuen an ihr erfreute.



VERS 78


यत्र योगेश्वरः कृष्णो यत्र पार्थो धनुर्धरः ।
तत्र श्रीर्विजयो भूतिर्ध्रुवा नीतिर्मतिर्मम ॥७८॥

yatra yogeśvaraḥ kṛṣṇo
yatra pārtho dhanur-dharaḥ
tatra śrīr vijayo bhūtir
dhruvā nītir matir mama

yatra – wo; yogeśvaraḥ – der Meister der Mystik; kṛṣṇaḥ – Śrī Kṛṣṇa; yatra – wo; pārthaḥ – der Sohn Pṛthās; dhanur-dharaḥ – der Träger von Pfeil und Bogen; tatra – dort; śrīḥ – Reichtum; vijayaḥ – Sieg; bhūtiḥ – außergewöhnliche Macht; dhruvā – gewiß; nītiḥ – Moralität; matiḥ mama – ist meine Meinung.

ÜBERSETZUNG

Überall dort, wo Kṛṣṇa, der Meister aller Mystiker, und Arjuna, der größte Bogenschütze, anwesend sind, werden gewiß auch Reichtum, Sieg, außergewöhnliche Macht und Moral zu finden sein. Das ist meine Ansicht.

ERKLÄRUNG

Die Bhagavad-gītā begann mit einer Frage Dhṛtarāṣṭras. Er hoffte auf den Sieg seiner Söhne, denen große Krieger wie Bhīṣma, Droṇa und Karṇa zur Seite standen. Aber nachdem Sañjaya die Situation auf dem Schlachtfeld beschrieben hatte, sagte er zum König: „Du hoffst auf Sieg, doch meiner Ansicht nach sind Glück und Sieg nur dort zu finden, wo Kṛṣṇa und Arjuna anwesend sind.“ Damit erklärte er ganz offen, daß Dhṛtarāṣṭra für seine Seite keinen Sieg erwarten durfte. Der Sieg war bereits der Seite Arjunas gewiß, da Kṛṣṇa dort gegenwärtig war. Als Kṛṣṇa freiwillig Arjunas Wagenlenker wurde, entfaltete Er eine weitere Fülle. Kṛṣṇa birgt alle Füllen in Sich, und eine davon ist Entsagung. Es gibt viele Beispiele für eine solche Entsagung, denn Kṛṣṇa ist der Meister der Entsagung.

Der Kampf fand zwischen Duryodhana und Yudhiṣṭhira statt, und Arjuna kämpfte auf seiten seines älteren Bruders Yudhiṣṭhira. Weil sich Kṛṣṇa und Arjuna auf der Seite Yudhiṣṭhiras befanden, war diesem der Sieg gewiß. Die Schlacht sollte entscheiden, wer die Welt regieren würde, und Sañjaya prophezeite, daß die Macht Yudhiṣṭhira übertragen werden würde. Es wird hier ebenfalls vorausgesagt, daß sich Yudhiṣṭhira nach seinem Sieg in der Schlacht immer mehr entfalten würde, denn er war nicht nur rechtschaffen und fromm, sondern auch ein strikter Moralist. Niemals kam eine Lüge über seine Lippen.

Es gibt viele weniger intelligente Menschen, die die Bhagavad-gītā lediglich für ein Gespräch zwischen zwei Freunden halten; doch solch ein Buch könnte nicht als heilige Schrift gelten. Andere mögen einwenden, daß Kṛṣṇa Arjuna zum Kampf ansporne, was unmoralisch sei, doch in der Bhagavad-gītā wird ganz unmißverständlich erklärt, wie es sich in Wirklichkeit verhält. Die Bhagavad-gītā ist die höchste Unterweisung, was Moral betrifft. Diese höchste Unterweisung findet man im vierunddreißigsten Vers des Neunten Kapitels: manmanā bhava mad-bhakthaḥ. Man muß ein Geweihter Kṛṣṇas werden, und die Essenz aller Religion besteht darin, sich Kṛṣṇa hinzugeben – sarva-dharmān. Die Anweisungen der Bhagavad-gītā sind gleichzeitig höchste Religion und höchste Moral. Alle anderen Vorgänge mögen reinigen und letztlich auch zu diesem Vorgang führen, doch die letzte Unterweisung der Gītā ist zugleich das letzte Wort aller Moral und Religion: Hingabe zu Kṛṣṇa. Das ist die Aussage des Achtzehnten Kapitels.

Aus der Bhagavad-gītā können wir verstehen, daß philosophische Spekulation und Meditation nur einer von vielen Vorgängen zur Selbstverwirklichung ist, daß aber Hingabe zu Kṛṣṇa die höchste Vollkommenheit bedeutet. Das ist die Essenz der Lehren der Bhagavad-gītā. Der Pfad der regulierenden Prinzipien, der sich nach den Einteilungen des sozialen Lebens und den verschiedenen Glaubensarten richtet, mag zwar ein vertraulicher Pfad des Wissens sein – soweit religiöse Rituale überhaupt als vertraulich bezeichnet werden können –, doch immer noch befaßt man sich bei diesem Vorgang mit Meditation und der Entwicklung von Wissen. Hingabe zu Kṛṣṇa durch hingebungsvolles Dienen im völligen Kṛṣṇa-Bewußtsein ist die Unterweisung und Essenz des Achtzehnten Kapitels.

Ein anderer Aspekt der Bhagavad-gītā besteht darin, daß der Höchste Persönliche Gott, Kṛṣṇa, die endgültige Wahrheit ist. Die Absolute Wahrheit wird in drei Aspekten verwirklicht: als unpersönliches Brahman, als lokalisierter Paramātmā und als der Höchste Persönliche Gott, Kṛṣṇa. Vollkommenes Wissen von der Absoluten Wahrheit bedeutet vollkommenes Wissen von Kṛṣṇa. Im Wissen von Kṛṣṇa sind alle anderen Wissenszweige enthalten. Kṛṣṇa ist transzendental, denn Er befindet Sich immer in Seiner ewigen, inneren Energie. Die Lebewesen sind in zwei Gruppen manifestiert und eingeteilt: in die ewig bedingten und die ewig befreiten Seelen. Es gibt unzählig viele solcher Lebewesen, und sie gelten als winzige Teile Kṛṣṇas. Die materielle Energie ist in vierundzwanzig Elementen manifestiert. Die Schöpfung wird von der ewigen Zeit ausgelöst und von der äußeren Energie geschaffen und zerstört. Die Manifestation der kosmischen Welt wird immer wieder sichtbar und unsichtbar.

In der Bhagavad-gītā werden fünf Hauptthemen erörtert: der Höchste Persönliche Gott, die materielle Natur, die Lebewesen, die ewige Zeit und alle möglichen Arten von Aktivitäten. Die vier letzteren sind vom Höchsten Persönlichen Gott Kṛṣṇa abhängig. Alle Vorstellungen von der Absoluten Wahrheit – das unpersönliche Brahman, der lokalisierte Paramātmā und jede andere transzendentale Vorstellung – sind verschiedene Stufen der Erkenntnis des Höchsten Persönlichen Gottes. Obwohl es oberflächlich gesehen so scheint, als wären der Höchste Persönliche Gott, die Lebewesen, die materielle Natur und die Zeit voneinander verschieden, ist dennoch nichts vom Höchsten verschieden. Doch der Höchste ist immer verschieden von Seiner Schöpfung. Die Philosophie Śrī Caitanyas lautet daher: acintya bhedābheda tattva, „unvorstellbarerweise gleichzeitig eins und verschieden". Diese Philosophie ist das vollkommene Wissen von der Absoluten Wahrheit.

Das Lebewesen ist in seiner ursprünglichen Identität reine Seele. Es ist wie ein winzig kleines Teilchen des Höchsten Spirituellen Wesens. Das bedingte Lebewesen gehört jedoch zur am Rande verlaufenden Energie des Herrn; es neigt dazu, mit beiden Energien – sowohl mit der materiellen als auch der spirituellen – in Verbindung zu sein. Mit anderen Worten, das Lebewesen befindet sich zwischen den beiden Energien des Herrn, doch weil es zur höheren Energie gehört, besitzt es eine winzige Unabhängigkeit. Durch den richtigen Gebrauch dieser Unabhängigkeit kann es unter die direkte Führung Kṛṣṇas gelangen und auf diese Weise seinen natürlichen Zustand in der freudegebenden Energie erreichen.





So enden die Erklärungen Bhaktivedantas zum Achtzehnten Kapitel der Śrīmad-Bhagavad-gītā,
genannt „Schlußfolgerung – die Vollkommenheit der Entsagung“.

Lotus

 

Bhagavad-gītā (1. Auflage 1974):  [PDF] (60 MB, Bilder, Sanskrit, Lesezeichen)
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